September 2021.
(Drohnen-Aufnahme)

Auszeit.
Einen ganzen Monat darf ich hier, in diesem kleinen Blockhaus am Ufer des Store sjö verbringen. Es gehört meiner in der Schweiz lebenden Freundin Regula. Ich kann mein Glück kaum fassen, als ich das auf einer kleinen Waldlichtung versteckte Zuhause am Ende einer buckligen Zufahrtsstrasse tatsächlich finde.
Der nächst grössere Ort mit Einkaufsmöglichkeiten ist Markaryd. Mit meinem alten Reisebüssli in etwa 25 Minuten gut erreichbar. Aber hier, rund um dieses kleine Blockhaus direkt am Store sjö, gibt es vor allem Eines; Ruhe. Und viel Natur. Und genau das habe ich gesucht.
Märchenwald.
Das Besondere in Schweden sind mitunter diese lichten, mit Moos bedeckten Wälder, mit einer grossen Vielfalt an alten Laubbäumen. Leider fallen sie mehr und mehr dem Holzschlag zum Opfer und anstelle dieser gesunden Mischwälder entstehen Nadelholz-Monokulturen. Eine traurige Bilanz.
Umso wertvoller ist der Moment hier. Inmitten der mächtigen Bäume. Durch das stets wechselnde Licht wird eine fast märchenhafte Stimmung in den Wald gezaubert. Das dichte Moos am Boden, lässt die Schritte lautlos federn. Ein Blick in Chinooks lächelnde Augen zeigt mir, dass sie genau so in ihrem Element ist.

Spaziergänge auf kleinen Trampelpfaden entlang dem Seeufer gehören ab jetzt zur geliebten täglichen Routine. Sowohl Tageszeit als Wochentag verlieren ihre Relevanz.
Kontemplation.
Ein kleiner Sandstrand mit einem grossen bequemen Stein am Ufer wird zu meinem Lieblingsplatz. Besonders in der Dämmerung. Die Füsse baumeln im warmen, dunklen Moorwasser. Der Himmel präsentiert sich in einem faszinierenden Farbenspektrum und spiegelt sich auf der Wasseroberfläche. Ich tauche ein in dieses grossartige Naturschauspiel. Und nehme sie an, diese bezaubernde Einladung; Ich verfalle in eine innere Kontemplation. Wenn ich Glück habe, höre ich dabei die typischen Rufe von Kanadagänsen, die hier durch ziehen. Sie haben ihre Brutgebiete in Sibirien verlassen um unter anderem in Deutschland zu überwintern.

Nordsee.
In Schweden unterwegs zu sein ist unglaublich entspannend. Auf all den Verbindungsstrassen gibt es nur wenig Verkehr. Und wenn, dann wird nicht gedrängelt. Ich kann es manchmal kaum glauben wie relaxed die Schweden unterwegs sind. Es überträgt sich und ist äusserst erholsam.

An der Küste der Nordsee entdecke ich wunderschöne Naturreservate wo ich mit Chinook stundenlange Wanderungen unternehme. Zu dieser Jahreszeit sind wir da so gut wie alleine unterwegs. Sand unter den Füssen, Wind in den Haaren, ein faszinierendes Wolkenspiel am Himmel und immer wieder der Ruf der Kanadagänse, die in der typischen V-Formation durch ziehen.

Kunstwerke.
In Hovs Hallar, einem nationalen Schutzgebiet an der Küste von Schweden, entdecke ich erstaunliche Kunstwerke aus Stein. Eines davon umrunde ich, weil ich kaum glauben kann, dass es von alleine in dieser Position stehen kann. Der obere Stein, der auf dem unteren balanciert, hat eine Höhe von etwa 1,5 m. Er steht komplett ohne irgend eine künstliche Sicherung auf dem unteren. Hier war ein grossartiger Künstler am Werk!


Besuch.
So sehr ich das Alleinsein mag, so sehr freue ich mich über den Besuch von Angela, der in Schweden lebenden Schwester von Regula. Wir setzen uns auf der Veranda „meines“ Häusschens zusammen und ich geniesse unseren Austausch von ganzem Herzen. Einen Moment später gesellt sich Christer dazu. Christer ist mein einziger „Nachbar“ hier in dieser Gegend und mit einer bewundernswerten Besonnenheit und Güte ausgestattet. Er ist gerade dabei Pilze zu sammeln, leistet uns beim Anblick der Kekse aber gerne einen Moment Gesellschaft 😉

Christer und Angela
Eine Woche später besuche ich Angela in ihrem wunderschönen Zuhause. Eine kleine Oase wie aus einem Bilderbuch von Astrid Lindgren. Angela ist mit vielen Talenten gesegnet und schafft es, mit ihrer schönen Energie, dem Ort eine ganz besondere, herzliche und warme Atmosphäre zu geben. Kein Wunder spriessen in ihrem Zaubergarten unterschiedlichste Kräuter, feinstes Gemüse und diverse Heilpflanzen.
Mit Chinook und den beiden Goldies von Angela, Ella und Alice, drehen wir eine Runde durch den nahen Wald. Dabei erhalte ich die Gelegenheit meine ersten eigenen schwedischen Pilze, Pfifferlinge resp. Kantarelle zu sammeln. Später werden sie zu einem feinen Abendessen verarbeitet. Danke Angela, Du bist wunderbar.

Pilze sammeln macht süchtig! So gehe ich in den nächsten Tagen einer weiteren Aufgabe nach. Ich sammle Pilze. Und bereite mir daraus die köstlichsten Abendessen. In dieser Jahreszeit ist ausserdem Beerenzeit. Ich verbringe Stunden damit, Preiselbeeren und Blaubeeren zu sammeln. Dabei ist es mir wichtig, Fundplätze niemals leer zu plündern, sondern den Waldbewohnern stets etwas da zu lassen.
Einerseits verarbeite ich die Beeren zu Konfitüre und andererseits mische ich sie morgens frisch in mein Müsli. Sehr lecker!!

Was für eine naturnahe, sinnvolle und befriedigende Aufgabe der Nahrungssuche das doch ist: Pilze und Beeren sammeln. Ich esse weder Tiere noch deren Produkte. Für mich ist das hier ein wertvolles Geschenk der Natur an mich.
Kajak.
Es wird zu meinem täglichen Ritual, mit dem Kajak auf den See hinaus zu paddeln. Ich umrunde die kleinen Inseln, peile andere Ufer an und versuche mir dabei meine Einstiegsstelle zu merken. Über das dunkle Wasser gleitend, erschliesst sich mir eine stets wechselnde Perspektive. Ab und zu springt ein Fisch. Ich fühle mich klein aber geborgen in meinem Kajak, umgeben von Wasser, den Wäldern und dem Himmel. Ich nehme nur das leise Eintauchen des Paddels wahr, ansonsten ist es still. Eine Stille, die wir in der Schweiz kaum noch finden. Stille hat eine Präsenz. Stille will gehört werden. In diesem Moment ist sie wie ein tiefer langer Atemzug für die Seele.

Die Könige der Wälder.
Schweden ist das Land der Elche. Auf meinen Wanderungen durch die Wälder und entlang den Sumpfgebieten an den Seeufern, bin ich stets darauf gefasst einem solchen Riesen zu begegnen. Jetzt im September und Oktober, ist Paarungszeit. Elche verhalten sich während dieser Zeit aggressiver als gewöhnlich, somit ist mir bewusst, dass ich achtsam sein muss. Auch wegen Chinook. Elche werden bejagt. Bären und Wölfe ebenfalls. Der Jagdtourismus für zahlende Gäste floriert. In einem naheliegenden Park lese ich auf einer Infotafel, dass in den Wäldern von Schweden insgesamt ca. 300‘000 Elche frei leben. Jährlich werden etwa 90‘000 erlegt. Männchen, Weibchen und Babys. Je nachdem, welche Summe man bereit ist für den Abschuss, resp. die Trophäe zu bezahlen. Diese Zahl musste ich erst einmal schlucken. Wie jemand ein Hochgefühl dabei empfinden kann, Tiere zum eigenen Vergnügen zu töten, und sich dessen Leben mit Geld erkauft, hat sich mir noch nie erschlossen.

Elche, die Könige der Wälder.
Mein Zuhause.
Dieses kleine, gemütliche Blockhaus, eingebettet in eine kleine Waldlichtung am See, wurde für 4 Wochen mein Zuhause. Hier habe ich gefunden wonach ich suchte; Ruhe. Und Zeit. Die Abwesenheit von digitaler Ablenkung, Terminen und Stress. Ich fand eine wunderschöne, weitläufige Natur, in welcher Stille noch vorkommt und eine innere Einkehr möglich ist. Ich fand liebevolle Menschen welche wertschätzend verbunden sind mit ihrer Umgebung und diese innere Ausgeglichenheit auch nach aussen tragen.Ich fand Wärme und Geborgenheit in diesem Häusschen aus Holz in dem alles vorhanden ist, was es zum Leben braucht. Danke Regula, fürs Hiersein dürfen!
Und danke Chinook einmal mehr für Deine Begleitung! Dich an der Seite zu haben, ist unbezahlbar.

Mein Zuhause auf Zeit in der Abendstimmung.

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