Bewegungsmangel.

Ich spüre einen Muskelkater. An beiden Oberschenkeln. Und wundere mich darüber. Wie kann das sein? Ich sitze ja nur. Vielleicht genau deswegen? Muskelkater vom vielen Sitzen? Wahrscheinlich ein Standschaden.

Schwerpunkt.

Ich bin frustriert. Mir fehlt die Bewegung dermassen. Viel zu viele Stunden sitzen wir im Auto. Die Runden die wir drehen, sind kurz und zweckgebunden. Wir haben ja ein Ziel; der Norden von Schottland. Um wirklich vorwärts zu kommen, nutzen wir grösstenteils die Autobahn.

Ich frage mich, ob wir den Schwerpunkt richtig gesetzt haben. Die Stunden im Auto sitzend sind zu lang, die Momente in Bewegung in der Natur zu kurz. Wir bekommen ja gar nichts wirklich mit von der Umgebung. Sondern rasen auf diesen Autobahnen und Schnellstrassen. Links und rechts davon liegen Berge von Müll und auffallend viele überfahrene Tiere. Ein unschöner, deprimierender Anblick.

Und mir tun die Muskeln weh. Vom NICHTS-Tun. Ich werfe das Thema in die Runde. Ist es Rolf wohl in dieser Form des Reisens? Was ist für uns beide als Zielsetzung wichtiger; möglichst weit in den Norden hoch zu kommen und dafür die vielen Stunden im Auto in Kauf zu nehmen? Oder aber lieber die Bewegung, das Kennenlernen der Umgebung in den Vordergrund zu setzen? Was ursprünglich, bei der Planung dieser Reise, ein gemeinsam definierter Wunsch war?

Und ganz einfach schauen wie weit resp. wie hoch rauf wir schlussendlich kommen? Keiner treibt uns. Es liegt an uns, wie wir den gewählten Zeitraum dieser Reise nutzen möchten. Was uns dabei wirklich wichtig ist. Und wie wir die Schwerpunkte setzen.

Wir finden einen guten Nenner. England möchten wir beide gerne hinter uns lassen. Dafür brauchen wir noch einmal einen Tag mit mehr Fahrstunden. Geduld wird auch die erneute Suche einer Garage und die Abklärung des Motorenproblems erfordern.

Aber morgen Abend sollten wir die Grenze zu Schottland erreichen. Und ab dann setzen wir den ursprünglichen Plan dieser Reise, nämlich möglichst viel von der Natur zu sehen und die Gegend ganz besonders eben auch zu Fuss zu entdecken, endlich um.

Dann kann ich endlich den Rucksack schultern und losziehen! Bei dem Gedanken, gehts mir um einiges besser!

Und; in Schottland erfüllt sich für mich, wenn alles gut geht noch ein ganz besonderer Herzenswunsch…ein Besuch bei einem aussergewöhnlichen Menschen. Ich werde davon erzählen.

Footpath.

Wir befinden uns auf einer Schnellstrasse. Erlaubtes Tempo 130kmh. Zweispurig in jede Richtung. Insgesamt also vierspurig. In der Mitte getrennt durch einen schmalen Grasstreifen. Mir fällt ein Schild auf; ein Warndreieck mit dem Hinweis „Vorsicht Fussgänger“. Hab ich das richtig gesehen? Wir sind doch auf einer Art Autobahn? Wo gibt es hier denn Fussgänger? Ich muss das Schild wohl falsch interpretiert haben.

Einige Kilometer später kommt dasselbe Warndreieck wieder. Ich schau diesmal wirklich genau hin: Ein Warndreieck mit Fussgänger, zu 100%!

Aber wo um Himmelswillen gibt es hier denn Fussgänger? Das ist doch lebensgefährlich? Dann sehe ich in kurzer Distanz nach dem Warnschild die uns inzwischen bekannte grüne Wegmarkierung für den „Public Footpath“. Was dem gelben Wanderwegzeichen bei uns ähnlich ist. Und dieser Footpath führt über diese Autobahn. Keine Unterführung, keine Brücke wie bei uns. Sondern zu Fuss da rüber. Das kann doch gar nicht sein! Wie ist das möglich? Auf Achtung-fertig-los sprinten?

Nie würde ich zu Fuss da rüber! Irgendwie zwischen dem dichten Verkehr von Lastwagen und Autos die mit 110kmh durchbrausen. Ich kann’s nicht fassen.

Ilegal.

Für eine Runde mit den Hunden peilen wir den Cotswold Waterpark an. Beim letzten Campground lagen Infobroschüren auf. Die Bilder dieses grossen Mergelseesystems sind beeindruckend. Das möchte wir gerne sehen. Es sind 180 Seen in diesem System, die sich über 42 Quadratmeilen verteilen.

Wir parken den Van an einem der vielen Spots. Eine Dame mit Hund die ich anspreche und nach einem Rundweg frage, erklärt uns diesen. Geradeaus, rechts über die Brücke, links, rechts, zweimal im Kreis und dann irgendwie zum Ausgangspunkt zurück. Alles gut, wir spazieren los.

Einige der Seen sind nicht zugänglich. Eigentlich der grösste Teil. Wir sind ein bisschen enttäuscht. Die meisten Grundstücke sind in Privatbesitz. Wir spähen über die Hecken und staunen über die riesigen Villen an Logenplätzen, mit Parkanlagen und eigenem Seeanstoss. Definitiv eine Wohngegend für Finanzstarke.

Wir wählen demnach den offiziellen Pfad und bleiben an einer Gabelung stehen. Rechts oder geradeaus weiter? Was hat die Dame nochmal gesagt? Rechts hält uns netterweise gerade ein Paar das Tor auf. Wir entscheiden uns für rechts.

Hinter uns fällt das Tor ins Schloss. Und klickt ein. Ich wundere mich. Und erst da fällt mir auf, dass dieses Tor von innen und wohl auch von aussen einen Code benötigt um es zu öffnen. Jetzt ist es zu. Der Zaun hoch. Wir sind also eingesperrt. Oder ausgesperrt? So genau wissen wir es noch nicht. Wir wissen nur, wir dürften hier wohl nicht sein. Nicht legal.

Wir sind in jedem Fall gespannt auf wessen Privatgrundstück wir gelandet sind. Schauen wir es uns doch einmal an! Wenn wir schon mal da sind.

Vor uns eröffnet sich ein kleiner See. In seiner Mitte schiesst eine Wasserfontäne in Sternform hoch. Drum herum im Halbkreis angeordnet, viele bunte Häusschen.

Davor und dahinter typisch gepflegter Englischer Rasen und rund geschnittene Buchsbäume. Und: Überwachungskameras. Viele davon.

Es muss wohl eine ziemlich exklusive Ferienanlage sein. Wie kommen wir hier wieder raus? Der Zaun ist zu hoch. Also durchs Gebüsch. Die Hunde wundern sich. Schauen uns fragend an. „Echt jetzt? Da wollt ihr durch?“ Sie machen aber tapfer mit. In der Annahme, bereits auf diversen Cameras entdeckt worden zu sein, befürchte ich schon, dass wir auf der anderen Seite unseres Fluchtweges von einem Parkranger erwartet werden. Aber; wir haben Glück. Bahn frei ;-))

Eine Antwort zu „Bewegungsmangel.”.

  1. So was von spannend. Du hast schönes Erzähltalent liebe Sandra. Bin also gespannt ob Ihr gejagt, verhaftet, verhört, oder – aber bestimmt – eigenständig und über eine Reception – charmant wieder aus dem Park rausgefunden habt.
    Habe vorhin im Fernsehen eine Sendung über Schottland und die umliegenden Inseln geschaut. Thema Winter. Ein bisschen werdet Ihr davon kennen lernen – spannend.
    Geniesst Eure Zeit, Euer Begleit-Lämpchen, das Vorwärtskommen und Entdecken. Auch die Orte, wo mehr als knapp 20 Menschen wohnen. Grins.
    Liebe Umarmung, M. und L.

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