Braveheart.

Es gab für uns viele Beweggründe nach Schottland zu reisen. Einer davon war das schon lange bestehende Bedürfnis von Rolf, dieses Land, dessen Unabhängigkeitsgeschichte der Filminhalt von „Braveheart“ mit Mel Gibson in der Hauptrolle ist, persönlich kennen zu lernen.

Ich muss zugeben, dass ich selbst den Film noch nie gesehen und auch keinen Bezug dazu habe. Rolf hingegen schon. Sehr. Keine Ahnung wie oft er sich den Film schon angeschaut hat. In jedem Fall: Oft.

Märchenwald.

Wir sind unterwegs am Ufer des Loch Trool. Ein abgelegener See, eingebettet in ein malerisches Tal, umgeben von hohen Hügeln die sich auf der Wasseroberfläche spiegeln.

Unsere Sinne tauchen ein in diese warme, naturgegebene Farbkomposition: Gelbes Sumpfgras, moosbedeckte grüne Steine, dicke knorrige Eichen, tiefblauer Himmel, klares Wasser. Ruhe. Eine Umgebung wie im Märchen. Wir sind hin und weg.

Ein 10km langer Trail führt um den ganzen See.

Die kleinen Rucksäcke sind geschultert, gefüllt mit einem Picknick für uns und einer Stärkung für die Hunde.

„Da oben, auf der Anhöhe bei dem grossen Stein, da haben wir bestimmt eine schöne Aussicht. Und der Platz liegt an der Sonne. Lass uns da rauf gehen und uns einen Moment hinsetzen.“

Beim näher kommen bemerken wir, dass der Stein eine Inschrift trägt. Beim Lesen wird Rolf bewusst; er steht an einem geschichtsträchtigen Ort. Sein Herz geht auf; das hier ist der Bruce‘s Stone. Ich gebe meinem Mann einen Seitenhieb „Nein Schatz den kannst Du jetzt nicht mitnehmen.“

Ein grosser Granitfelsen, der an den Sieg von König Robert über die Engländer im Jahr 1307 während der schottischen Unabhängigkeitskriege erinnert.

Dieser Stein wurde 1929 anlässlich des 600. Jahrestages von Bruce‘s Tod aufgestellt. Ich frage die zwei einheimische Hiker die aus den Bergen kommen und hier ebenfalls gerade ihre Picknickpause einlegen, nach der näheren Bedeutung der Inschrift. Sie erklären uns die Legende: Die Schottischen Unabhängigkeitskämpfer haben von dem hohen Berg auf der gegenüberliegenden Seeseite, grosse Steine hinunter rollen lassen. Um sich so gegen die Englischen Kreuzritter zur Wehr zu setzen. Erfolgreich. Das wird hier in der Gravur festgehalten.

Wir finden die erweiterte Bestätigung dieser Übersetzung später dann auch noch auf einer Tafel:

„Von der Stelle an der der Stein steht, hätte man sehen können, wie sich das Drama abspielte: Englische Soldaten gerieten in einen Hinterhalt, als sie am anderen Ufer von Loch Troon entlanggingen. Als sich die Soldaten den Stufen von Trool näherten, ertönte ein Signalhorn und Bruces Männer warfen Salven von Steinen auf die überraschten Truppen. Diejenigen die sich umdrehten um zu fliehen, trafen auf schwer bewaffnete Männer hinter ihnen. Der Sieg war schnell und blutig. Robert the Bruce gewann 1314 die Schlacht von Bannockburtn bei Stirling und sicherte damit die Unabhängigkeit Schottlands.“

Beim Anblick dieser wunderschönen Landschaft ist es schwer vorstellbar, dass hier vor 700 Jahren eine so erbitterte Schlacht stattfand. Seit es Menschen auf dieser Erde gibt, gibt es auch Kriege, Schlachten, Eroberungen. Warum sich Jungs auch immer prügeln müssen? Ich jedenfalls bin dankbar für den Frieden. Hier, jetzt.

Highlander.

Wir setzen unsere Wanderung um Loch Troon fort. Rolf scheint versunken zu sein in einem mentalen Prozess. Ich sehe und spüre wie verbunden er mit dieser Gegend ist. Ob ich einen reinkarnierten Highlander an meiner Seite habe? „Du hast mir so oft von der Geschichte von Braveheart erzählt. Du kennst all die Details und Fakten. Was ist es denn, was Dich so mit dieser Geschichte verbindet? Mir scheint, Du empfindest eine Form von Identifikation?“ frage ich ihn. Er denkt einen Moment nach bevor er antwortet. Dann meint er „Es geht um Gerechtigkeit. Männlichkeit. Um den starken Glauben an eine Sache. Um Standhaftigkeit. Um Widerstand gegen Unterdrückung. Und um Liebe.“

Ein Zeitreisender. Etwas im Aussen scheint sich mit etwas im Inneren zu verbinden. Zu erkennen. Zu finden.

Ich betrachte die hohen Hügel. Ich kann mich nicht satt sehen. Ihre gelb gefärbten weichen Rücken haben eine derartige Anziehung. Diejenigen auf der Nordseite sind zum Teil schneebedeckt. Der höchste und bekannteste ist der Merrick Hill mit einer Höhe von 843m ü.M.

Auf der Heimfahrt schwelgen wir beide noch in dieser anmutigen Schönheit, in dieser Offenbarung der Natur. Für mich sind das Gründe des Reisen: Das Entdecken, das Begegnen. Sich selbst und der Schönheit der Natur. Wir sind ein Teil von ihr. Und sie von uns. An Tagen wie diesen spüre ich das tiefe Glück am und im Leben zu sein.

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