Happy Day!

So habe ich mir diese Reise vorgestellt! Genau so! Kurze Distanzen fahren und viele Kilometer oder Höhenmeter zu Fuss gehen. Nur so ergibt sich der wirkliche Kontakt mit einem anderen Land. Nur so erfasst man die Natur vollumfänglich; die Gerüche, die Geräusche, die Farben, die Bodenbeschaffenheit, die Temperaturen, die Tierwelt. Und nur so ist es möglich, genau da stehen zu bleiben und sich Zeit zum Staunen zu lassen, wo der Impuls dafür anklopft.

Diese Wanderung ist einmal mehr ein absolutes Highlight. Ein vollkommener Glücksmoment. Alleine schon die Fahrt auf den schmalen Strassen durchs Hochland haut uns um!

Was für eine Schönheit hier oben über der Baumgrenze. Diese endlose, völlig menschenleere Weite. Der Brustkorb dehnt sich aus. Der Kopf wird frei, das Herz hüpft. Welt, Du bist schön!

Der kleine Trail zieht gleich vom ersten Schritt an hoch. Wir gewinnen schnell an Höhe, wandern durch einen romantischen Wald, überqueren einen Fluss und dann offenbart er sich vor unseren Augen ; der Cornish Loch. Ein kleiner Bergsee, in völliger Einsamkeit und Ruhe. Teilweise liegt er unter einer dünnen Eisschicht.

Wir setzen uns auf die Steine an seinem Ufer, lassen uns von der Sonne ein wenig aufwärmen. Wir sind einfach nur überwältigt.

Es ist kalt und windig, Schnee liegt in der Luft. Wir ziehen weiter und werfen vom höchsten Punkt des Hills noch einmal einen Blick zurück. Amazing!

Solche Tage bedeuten pures, reines, einfaches und ehrliches Glück.

Parkplatz-Ralley.

Wir schwelgen noch in den Bildern unserer grandiosen Wanderung. Und wären im Prinzip so gerne da oben in den Bergen im Hinterland geblieben zur Übernachtung. Es gab wunderbare Plätze die sich perfekt fürs Wildcamping anboten. Aber, es gibt in diesen Tagen Wetterwarnungen mit viel Schnee und vereisten Strassen. Die schmalen Strassen haben keine Markierung an den Rändern. Sollte es schneien, verschwinden sie im Weiss der Landschaft. Und wir möglicherweise auch.

Einen Winterdienst wie wir ihn zuhause kennen, gibt es nicht oder nur sehr begrenzt im Hinterland. Eine Dame mit der ich mich kürzlich darüber unterhielt meinte „Die Touristen nehmen die Wetterwarnungen oft nicht ernst. Sie können sich das nicht vorstellen. Aber wenn ihr da oben eingeschneit werdet, steckt ihr fest. Oft gibt es keinen Handyempfang. Bis Hilfe kommt, kann es eine Woche dauern“. Pampa ist hier noch Pampa.

Mit unserem derzeit noch leistungsschwächeren Motor und ohne 4×4 Antrieb, wollten wir dieses Risiko nicht eingehen. Wir fanden es sinnvoller, zur Übernachtung auf Meereshöhe hinunter zu fahren, in die Nähe der Hafenstadt Ayr.

Es war bereits am Eindunkeln als wir einen grossen Parkplatz direkt am Strand anpeilten. Es gab mehr als genügend Platz. Ein wenig zu nah an der Zivilisation zwar, aber für eine Nacht ok.

Wir hatten gerade alles aufgebaut und es uns beim Abendessen gemütlich gemacht, da ging es draussen los; quietschende Reifen, aufheulende Motoren, Vollgas und Bremsen, dröhnende Musik aus den Lautsprechern der Autos. Rolf und ich schauten uns an „Wie lange dauert das wohl? Was meinst Du?“. „Ich hab kein so gutes Gefühl. Aber warten wir mal ab.“

Ich setzte Wasser auf für einen Tee, als ein Auto nach dem andern in hohem Tempo haarscharf an unserem Van vorbei raste. Der Van wackelte. Ich hatte das Gefühl, die Zehen einziehen zu müssen, so nah brausten sie an uns vorbei. Jugendliche die den langgezogenen Parkplatz als Rennstrecke nutzten. Mir war nicht mehr wohl. Wie soll ich hier mit den Hunden raus ohne, dass wir unter die Räder kommen? Was wenn die bei ihrer Ralley unseren Van rammen?

Wir warteten noch einen Moment zu. Vielleicht zogen die ja weiter.

Eine Stunde später. Es war bereits kurz vor 22 Uhr. Wir waren beide hundemüde. Draussen war Party. Und Ralley. Es wurden immer mehr. So würden wir beide kein Auge zu tun. Also zusammen packen, weiter fahren.

Nach 30 Minuten waren wir am neuen Ziel; eine weitaus bessere, ruhigere Alternative .Wir fielen beide ziemlich übermüdet in den Schlaf.

Harte Nuss.

Der heutige Tag startete dann zufrieden und ausgeschlafen. „Wo gehts hin heute? Lass uns eine Runde suchen die nicht so hoch in den Hügeln liegt. Wegen des Schnee‘s“ meinte Rolf. Einverstanden. Ich suchte uns einen schönen Rundweg, in den tiefer liegenden Hügeln, an einem See, in nicht zu grosser Entfernung. Los gehts!

Ich freu mich! Wir sitzen im Auto und unterhalten uns und so nebenbei, stopfe ich mir einen Paranuss in den Mund. Genussvoll beisse ich drauf. Zack! Irgendetwas fühlt sich im Mund danach anders an. Ich fühle mit der Zunge nach. „Shit! ich glaube ich habe mir gerade einen Zahn gespalten!“ „Du scheinst allmählich in Deine Einzelteile zu zerfallen. Erst der Meniskus, jetzt der Zahn“ lacht Rolf. „Hey ich meins ernst! Der Zahn ist wirklich gespalten, ein Riesenteil hängt da nur noch halb dran!“ „Mist, dann lass uns einen Zahnarzt aufsuchen“. Wunderbar! Ich wollte schon immer mal eine Schottische Zahnarztpraxis von innen sehen…

Ich wähle mich bei den Zahnärzten im näheren Umkreis durch. Und ich habe Glück! Eine Praxis hat Zeit für mich! Ich darf gleich kommen. 10 Minuten später sitze ich im Wartebereich der Largs Dental Suite.

Ich bete innerlich…hoffenlich muss nicht der ganze Zahn raus. Es gibt echt Dinge die mehr Spass machen. Zahnarzt ist nicht so meins.

Aber es ist spannend.Und nicht alltäglich. Während dem ein Wartezimmer bei uns eher ein beinahe bedrückter Raum des Schweigens ist und bereits ein Räuspern die Schallmauer durchbricht, ist dieser Raum bei den Schotten vielmehr einer fröhlich-gesprächigen Kaffeerunde ähnlich. Kaum hingesetzt, bin ich bereits herzlich willkommene Teilnehmerin dieses Kränzchens. Einmal mehr berührt mich diese unvergleichliche Herzlichkeit und Offenheit der Schotten.

Dann bin ich an der Reihe. Das Stück Zahn muss raus. Der fehlende Teil mit einem Provisorium aufgefüllt werden. „Ich verabreiche Ihnen vorsichtshalber eine Spritze“ . Einverstanden.

Der Gaumen schläft. Die Assistentin stellt mir eine Frage. Ich kann nur noch lallend antworten. Ob sie mich verstanden hat? Ich kämpfe gegen das Bedürfnis einzuschlafen. Kurze 10 Minuten später sind wir fertig. Eine Art Kaugummipappe als Zahnersatz muss vorerst reichen. Zuhause wird das dann optimiert.

Beim Verlassen der Praxis ist mir speiübel, ich hab Kopfschmerzen und ich kann kaum schlucken. Der ganze Schlundbereich steht noch unter Narkose. Ich glaube die verabreichte Dosis hätte dafür ausgereicht, ein ganzes Pferd zu sedieren.

Immerhin, der Zahn ist geflickt und wir wieder on the road. Wanderung, wir kommen!

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