Wir haben eine ganz besondere Ehre; wir dürfen den Nationalfeiertag Irland`s, den St.Patricks Day live vor Ort mit erleben.
Schon Tage zuvor werden wir darauf angesprochen, verbunden mit der Frage „Seid ihr dann noch hier? Ihr müsst das mit feiern! Kehrt in die Pubs ein. Da ist viel los und es wird über all Live Music gespielt!. Lasst aber euer Auto stehen! Es wird viel getrunken!“ lacht Chris, der Campwart. Das lassen wir uns selbstverständlich nicht entgehen.
Tagsüber finden Paraden statt. Ähnlich eines Fasnacht-Umzugs bei uns. Einfach in viel kleinerem Rahmen. Auffallend dabei ist, dass alle in Farbe Grün eingekleidet sind. Erwachsene und Kinder. Die Farbe Irlands. Der irische Stolz. Auch ich richte mich abends danach. Meine grüne Regenjacke muss dafür herhalten.
Der Name des Feiertags bezieht sich auf den Mythos des heiligen Patrick. „Als Junge wurde er in Wales oder Schottland gefangen genommen und als Sklave nach Slemish Mountain in der Grafschaft Antrim geschickt. Er hütete Schafe an diesem ruhigen Berghang, bevor er nach Hause floh. Wo er eine Vision hatte. Diese forderte ihn dazu auf, nach Irland zurück zu kehren und die Botschaft des Christentums zu verbreiten.“ lese ich nach.
Der 17. März, das Datum des St.Patrick Day‘s, ist der Todestag des Schutzheiligen.
Kleeblätter in allen Grössen fallen ebenfalls auf. Als Deko an Schaufenstern, auf Kleidern, Hüten etc. Grund dafür ist, dass der Legende nach der heilige Patrick das Kleeblatt als Metapher für die Heilige Dreifaltigkeit verwendete, als er das Christentum zum ersten Mal nach Irland einführte. Die Thematik der Konfessionszugehörigkeit, führte sowohl früher als auch noch heute zu Konflikten.
In den frühen 1920er Jahren kam es schliesslich zur Teilung der Insel Irland in den irischen Freistaat und das bei Grossbritannien verbleibende Nordirland. In meinem Blog-Beitrag „Belfast“ habe ich erwähnt, dass uns die Britischen Flaggen in Nordirland aufgefallen sind. Hier im Süden entdeckten wir keine einzige.
Wir suchen den Ort Clifden auf. Er ist in 5 Autominuten von unserem Cottage aus erreichbar. Hier haben wir bereits ein äusserst sympathisches Pub kennen gelernt. Ravi’s Bar. Da möchten wir wieder hin.

Die irische Live-Musik ist bereits von draussen zu hören. Drinnen ist es gerammelt voll und beseelt mit einer aufgeheiterten Stimmung. Wir arbeiten uns durch die Menge und landen an der Bar .“Zwei Irish Coffee please.“ ordert Rolf.
Wir stossen an „Cheers!“

Jung und Alt, alle stehen hier gemischt beieinander. Unterhalten sich und tanzen. Keiner hat ein Handy in den Händen. Nur wir. Weil wir Fotos machen. Dadurch fallen wir auf. Touristen. Es ist mir unangenehm. Ich bemerke wie sich zwei Köpfe zu uns umdrehen „Steck das Ding bitte lieber weg.“ sag ich zu Rolf. „Ich glaube das mag man hier nicht“.
Die Freude an dieser Feierlichkeit und Ausgelassenheit ist gross. Wir wollten es festhalten. Lassen das Handy dann jedoch für den Abend in der Tasche. Einer der umgedrehten Köpfe spricht uns dann an „Wo kommt ihr denn her?“ „Aus der Schweiz. Wir sind zum ersten Mal in Irland und glücklich euren Feiertag mit erleben zu dürfen“ brülle ich ihm durch die laute Musik ins Ohr. „Aus der Schweiz? Wie toll! Wohnt ihr in den Bergen?“ „Nicht direkt. Aber die Schweiz ist nicht so gross. Da ist man schnell in der Bergwelt. Die ich sehr liebe.“ gebe ich zur Antwort. Er grinst und meint „Naja, Du hast ja Deinen eigenen Swiss-Mountain“ mit dem Wink zu Rolf. Ich muss lachen. Rolf fällt hier durch seine Grösse tatsächlich auf. In einem Laden hat er es geschafft, die Glühbirne einer Dekolampe an der Decke auszuknipsen. In dem er seinen Kopf daran angestossen hat. Ich musste lachen…Sowas kommt öfters vor.

Ich komme ins Gespräch – so gut das neben der Musik möglich ist – mit einer aufgeheiterte Dame auf dem Barhocker neben uns. Sie ist glücklich, hält ihren Arm nach oben und ruft „Freiheit für Irland!“. Sie fragt mich, ob ich den Film „The Banshees of Inisherin“ kenne. Eine Geschichte über Irland. Nein, kenne ich nicht. Sie legt mir ans Herz, ihn bei Gelegenheit zu schauen.
„Die Konflikte sind nicht vorbei. Kürzlich ist eine Tante von mir gestorben. In Nordirland. Nähe Belfast. Ich konnte am Begräbnis nicht teilnehmen. Mein Auto wäre dort sofort aufgefallen und zerstört worden. Das ist traurig.“ erzählt sie. „Ernsthaft? Das ist auch heute noch so heftig? Kann man anhand des Autokennzeichens denn feststellen, woher der Halter kommt? Aus dem Süden oder aus dem Norden?“ frage ich nach. „Ja. Leider ist das auch heute noch so. Und ja. Es lässt sich anhand der Autokennzeichen ganz einfach feststellen in welchem Bezirk es registriert ist. D steht zum Beispiel für Dublin. LK für den Bezirk Limerick. Oder G für Galway.“
Bei den Konflikten geht es um den Wunsch nach irischer Eigenstaatlichkeit. In der Kontroverse zur Zugehörigkeit zu England. Irland ist gespalten. Nach wie vor. Ein Zeichen dafür ist auch die Währung. Während dem in Nordirland mit Pfund Sterling bezahlt wird, sind es im Süden Euro.
“Der nordirische Friedensprozess hat seit 1998 zu einer dramatischen Entspannung zwischen London und Dublin geführt. Diese überfällige Normalisierung der bilateralen Beziehung wurde 2011 symbolträchtig bei einem Besuch der Queen in Irland besiegelt. Doch Nordirland folgte diesen Signalen nur bedingt“. Lese ich später nach.
„Ihr müsst morgen wieder kommen! Es findet die Live-Übertragung des Fussballmatches statt zwischen England und Irland. Man muss in die Pubs gehen um das zu schauen. Privat gibt es keine Übertragung. Ausser man bezahlt etwas dafür. Irland muss gewinnen!“ lacht sie.
„Habt ihr gewusst, dass in Irland die meisten rothaarigen Menschen leben? Wir sind stolz darauf!. Rothaarige werden im Alter nicht grau. Sie werden weiss. Das ist viel schöner!“ informiert sie uns fröhlich. „In Cork gibt es jedes Jahr ein Treffen aller Rothaarigen der Insel. Männer, Frauen, Kinder, Erwachsene. Das ist ein Spektakel.“
Ich bin berührt von diesen Menschen. Und dem was sie bereit sind mit uns zu teilen. Und von ihrer Geschichte. Sie ist präsent, nicht Vergangenheit.
Die Gemeinschaftlichkeit, die Begegnungen, die Gespräche und die Fröhlichkeit stehen bei den Iren im Vordergrund um ihrem Nationalfeiertag Ausdruck zu geben. Sie brauchen dafür kein lautes Feuerwerk wie wir.
Wir verabschieden uns und kehren zurück ins Cottage, so lange wir noch in der Lage dazu sind. Die Parkplätze sind tatsächlich ungewöhnlich leer. Unser Van hat keine Nachbarn. Respekt!

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