Abwarten und Kaffee trinken.

Pünktlich um 10 Uhr erscheinen wir wie abgemacht in besagter Garage in Dover. Von der freundlichen Dame des Campgrounds auf dem wir übernachten konnten, haben wir uns verabschiedet und den Platz für neue Gäste frei gegeben.

In der Werkstatt herrscht Hochbetrieb. Trotzdem nimmt man sich Zeit für uns. Der Chef persönlich schaut sich die Sache an. Er meint, wir sollen uns in Geduld üben. Er würde sich aber baldmöglichst der Arbeit annehmen.

Wir stellen uns auf eine längere Wartefrist ein. Das bestellte Teil für unseren Motor ist zum Glück inzwischen da.

Um uns die Zeit zu vertreiben, pendeln wir ein wenig durch die Gegend. Sie ist nicht wirklich einladend. Viel Verkehr, viel Industrie, enge Strassen. Es ist kalt und nass. Ich brauche einen wärmenden Kaffee. Leichter gesagt als getan.

Verkehrshektik.

In Dover zu Fuss unterwegs zu sein, ist ein „Abenteuer“. Die Trottoirs sind enorm schmal und uneben. Autos und grosse Lastwagen donnern mit Hochgeschwindigkeit haarscharf an einem vorbei. Das ist purer Stress! Ich denke an die Personen, die hier leben; wenn es für uns schon so herausfordernd ist, wie muss es erst für Personen im Rollstuhl sein? Für ältere Menschen die nicht mehr so flink sind? Oder über die Löcher und Wölbungen stolpern? Wie geht das mit Kinderwagen? Gehhilfen?Strassenüberquerungen müssen selbst bei Grün schnell von statten gehen. Man muss sich beeilen um es zeitig auf die andere Seite zu schaffen. Und zwar mit voller Konzentration.

Der Schulweg für Kinder muss ein Alptraum sein. Es wundert mich nicht, dass hier bei Fussgängerstreifen und auch am Rande von Schnellstrassen so viele Kreuze und Blumen für Verunfallte stehen.

Überreste von Blumen für ein Strassenopfer.

Meine Nerven liegen ziemlich blank bei diesem hektischen Verkehr, ich bange irgendwie um mein Leben. Ich bin einfach nur dankbar, als wir in ein kleines, wenn auch schmuddeliges Café flüchten können und für einen Moment Ruhe finden. Eine Tasse Kaffee muntert wieder auf.

Eine gute Stunde später, sind wir zurück in der Garage. Unser Van steht noch am selben Platz wie vor einer Stunde. Alle Mitarbeiter sind voll beschäftigt. Der Van muss warten. Und wir somit auch.

Es kann dauern. Also packen wir die Hunde und suchen hier in dieser unwirtlichen Gegend irgendwo einen halbwegs grünen Ort.

Abfallberge.

Was uns dabei wirklich entsetzt, ist der Müll der hier in grossen Mengen überall herum liegt. Ganze Hausräte werden respektlos auf den Strassen, den Vorgärten, in Gebüschen, im Bach oder auf Wiesen entsorgt. Noch auf keiner meiner bisherigen Reisen in anderen Ländern haben ich sowas in diesem Ausmass gesehen. Nicht einmal in Italien. Und das war dort schon heftig.

Der Anblick ist mit dem Verstand nicht einzuordnen. Die wirtschaftliche Situation in England mag schwierig sein. Aber das hier, ist auch eine Einstellungssache. Entsprechende Entsorgungsstationen wären durchaus vorhanden.

Neue Hoffnung!

Es wird später Nachmittag, bis wir unseren Van endlich revidiert ausgehändigt bekommen und zu einer Probefahrt aufgefordert werden. Wenn diese gut verläuft und die Warnlampe sich nicht mehr meldet, steht unserer Weiterreise nichts mehr im Wege.

Frohen Mutes fahren wir also los und die Testfahrt verläuft problemlos! Keine Warnlampe erscheint, alles i.O. Grossartig!

Inzwischen ist es schon spät geworden. Im Dunkeln möchten wir nicht fahren. Wir beschliessen, noch einmal den Campingplatz von letzter Nacht aufzusuchen und dann morgen früh zu starten. Ich rufe die Dame an und frage nach. Es klappt. Wir haben Platz.

Dritter Versuch.

Gut gelaunt packen wir am nächsten Morgen schnell alle sieben Sachen zusammen und brechen auf. In Richtung Westküste. Los gehts!!! Endlich!

Nach 10 Minuten Fahrt, stöhnt Rolf auf „Mist! Das gibts doch nicht! Die Warnlampe blinkt wieder auf! Ich kann den Motor nicht mehr beschleunigen.“ Das darf doch nicht wahr sein…Wir werden immer langsamer. Schliesslich tuckern wir mit etwa 50kmh auf einer Tempo 80 Strasse. So geht das nicht. Wir müssen wenden.

Erneut stehen wir also da. In der mittlerweile vertrauten Werkstatt. Und erklären das Problem. Das Diagnosegerät wird angehängt. Das Ergebnis; auch das zweite Teil müsse ersetzt werden. Vielleicht könne das die Ursache dann beheben.

Es dauere aber, bis dieses Teil da sei. Mit Sicherheit werde es Nachmittag. Das bedeutet; die Reisepläne für heute fallen erneut ins Wasser. Wieder geht ein Tag flöten mit Warten in in diesem unattraktiven Stadtteil von Dover. Es ist kalt, nass, windig, nirgends gibt es eine warme Ecke. Wir spazieren mit den Hunden so gut es hier eben geht. Und erledigen kurz ein paar Einkäufe. Den Rest der Zeit verbringen wir wartend in der winzigen, ungeheizten Ecke der Wartezone mit Durchzug.

Wann wir hier loskommen, ist unklar. Dasselbe Spiel wie tags zuvor. Weit werden wir ohnehin nicht mehr kommen. Somit rufe ich die Dame des Campingplatzes an, erkläre unser Missgeschick. Unser Platz ist zum Glück noch frei, wir können ihn abends noch einmal besetzen.

Irgendwann ist es soweit. Die Testfahrt steht an. Diesmal fahren wir etwas weiter und setzen den Motor einer stärkeren Belastung aus. Wir wollen sicher sein. Wunderbar! Alles läuft bestens! Jetzt ist alles gut!

Wir geben der Garage Bescheid und fahren inzwischen etwas müde aber glücklich zurück zum Campingplatz. Kurz bevor wir dort ankommen, lächelt uns das gelbe Warnlämpchen vom Display an. Wir werden langsamer.. Neiiiiiiin!!!!! Das gibts doch nicht! Wir sind beide fix und foxi.

Die Werkstatt hat inzwischen Feierabend. Das heisst; anstatt tags darauf wie geplant die Reise endlich fort zu setzen, erneut die Garage aufsuchen. Immerhin kennen wir zwischenzeitlich den Weg da hin.

Vierter Versuch…

Diesmal organisieren wir uns anders. Damit die Hunde nicht wieder so lange im Auto verharren oder zwischen dem ganzen Müll spazieren müssen, lädt mich Rolf an einem entfernten Ort an der Küste ab. Von dort werde ich eine Weile wandern. Rolf möchte mir Bescheid geben, welches der Plan des Garagisten sein wird. Danach würde er mich und die Hunde irgendwo wieder abholen.

Hier am Meer kann ich endlich wieder durchatmen. Der Hektik und dem Lärm entkommen. Ich wandere entlang dem Coastal Path zu den White Cliffs. Erst führt dieser entlang dem Kieselstrand, dann zieht der Pfad doch auf die grossen Flächen der White Cliffs. In beeindruckender Höhe fallen diese steil ins Meer hinunter.

Eine Whats App Nachricht von Rolf lässt mich wissen, der Van steht auf dem Lift. Eine Zeitangabe gäbe es nicht. So wandere ich erst einmal weiter. Immerhin komme ich heute endlich zu etwas mehr Bewegung.

Wie sehr mir diese fehlt…

Es beginnt zu regnen. Kurz bevor ich am Hafen von Dover ankomme. Ich suche einen trockenen Unterschlupf. Und rufe Rolf an. Mal schauen wie weit die da sind. Ich erfahre, dass der Arbeitsprozess wohl noch länger andauere. Der Turbolader müsse ersetzt werden. Mist! Zweimal Mist!! Das wird teuer! Unser Reisebudget wird dadurch erheblich geschmälert. Ich verwerfe innerlich die Hände, denke dann aber, es könnte viel schlimmer sein. Es ist ein Auto. Teile sind ersetzbar.

Rolf versucht einen Ersatzwagen zu bekommen um mich an einem Treffpunkt abzuholen. Mit den Hunden durch diese Stadt zu laufen, entlang der Strasse mit dem dichten Verkehr auf dem schmalen Mini-Gehsteig, wäre der Horror.

Den Ersatzwagen darf Rolf aus versicherungstechnischen Gründen als Ausländer nicht nutzen. Das wird also nix. Ein Taxi? Mit den Hunden? Eher nicht. Also doch zu Fuss. 45 Minuten später habe ich es geschafft. Und BIN ich geschafft…Keine 2000 Höhenmeter pro Tag erschöpfen mich dermassen wie sowas.

Es ist bereits 17.30 Uhr, die Mitarbeiter packen zusammen und verabschieden sich von uns. Der Werkstattchef, Andy, bleibt. Und schraubt weiter an unserem Van. Er macht Überstunden. Wir sind ihm so dankbar für seinen Einsatz, für seine Hilfsbereitschaft. Obwohl er bereits mehr als ausgelastet war. Er hat einen Orden verdient. Und mit Sicherheit ein Paket von uns aus der Schweiz.

Irgendwo in Dover müssen wir noch in einen Nagel gefahren sein. Ein Reifen hinten hat kaum noch Luft. Das passiere hier ständig, meint Andy. Warum wundert mich das nicht. Jedenfalls muss auch dieses Loch noch geflickt werden.

Es ist 18 Uhr, als wir in unserem Van sitzen, Andy uns die Daumen drückt und uns eine gute Reise wünscht.

Der Dame vom Campingplatz muss ich nicht einmal mehr erklären warum ich anrufe. Sie sagt nur „Kein Problem. Der Platz ist frei.“ Danke.

Morgen. Morgen früh soll es weiter gehen. Diesmal MUSS es einfach klappen!! Versuch Nummer Fünf ;-)))

4 Antworten zu „Abwarten und Kaffee trinken.”.

  1. Nicht doch!!! Ziemlich nervenzehrend Eure Geschichte!! Ich kann Euch nur wünschen, heute ohne Warnlämpchen unterwegs sein zu können.
    Sehr lebendig erzählt, Sandra, zwischendurch musste ich sogar lachen, und das werdet ihr rückblickend dann hoffentlich auch tun dürfen.
    Glück, dass es nicht zu einem Zwischenfall mit Personen- und Sachschaden, Versicherungsgeplänkel gekommen ist. Und ja, Dover ist der Ankommen-Wegfahrt-Umschlagsplatz von Menschen und Gütern. Er kann leider nicht lieblich daherkommen, auch nicht für die Menschen die dort wohnen und arbeiten. Jedenfalls nicht in der Hafengegend. Ich kann Deinen Stress gut nachvollziehen.
    Ein gutes, sicheres Unterwegssein und heilende, versöhnliche Erlebnisse wünsche ich Euch!

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  2. Vielen Dank liebe Muddl
    Wir sind gerade dabei uns startklar zu machen. Demnächst gehts los. Wir füchten beide den Blick aufs Display 😂🙈…

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  3. alles liebi für euch… big hug didi

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    1. Herzlichen Dank Didi🤗

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