Erstens kommt es anders, und zweitens als man denkt.

Morgen möchten wir in Schottland ankommen. Und bis dahin das Problem mit dem Motor unseres Sprinters endlich gelöst bekommen. Damit der Kopf und alle Sinne wieder frei sind.

Werkstatt-Hopping.

Wir brauchen also erneut eine Garage. Eine die kompetent ist. Vielleicht ist es am besten, wir fragen den Campingwart, auf dessen bescheidenen, dafür jedoch ruhigen Platz wir von gestern auf heute übernachtet haben. Er kennt sich hier aus und hat bestimmt einen guten Tipp für uns.

Und tatsächlich; Er weist uns in Timm’s kleine Garage, keine 5 Minuten entfernt.

Auch hier wird auf Hochtouren gearbeitet Und trotzdem, nimmt man sich Zeit für uns. Timm hört und schaut sich das Problem an. Er studiert zudem die Unterlagen resp. die Rechnung auf welcher die Arbeiten und die eingebauten Ersatzteile der Werkstatt in Dover aufgelistet sind.

Er schüttelt den Kopf und meint, diese Auslagen wären nicht notwendig gewesen. Er sei sich sicher, die Ursache des Problems liege an einer anderen Stelle. Das deckt sich auch mit der Meinung von Raffi aus der Schweiz, den Rolf zur Unterstützung mehrmals telefonisch hinzu zog.

Timm erklärt uns, dass er die benötigten Geräte zur Überprüfung seines Verdachts nicht habe. Er drückt uns die Adresse und Telefonnummer einer Garage mit Mercedes-Vertretung in die Hände und wünscht uns viel Glück.

Wir möchten ihn gerne bezahlen für die investierte Zeit und für seine Hilfe. Aber er lehnt ab. Ich bin beeindruckt. Er und sein Mitarbeiter arbeiten unter Hochdruck. Und unter niedrigen Lohnbedingungen. Er hat sich die Zeit genommen und keine Mühe gescheut, alles in seinen Möglichkeiten stehende für uns zu tun. Aber er will kein Geld dafür.

Zum Glück haben wir noch Reste des Toblerone-Stocks, den wir für den Fall, dass wir wieder auf einem Bauernhof um Wasser fragen müssen, und die hilfsbereiten Leute vor Ort ebenfalls nie finanziell entschädigt werden wollten, wenigstens diese Geste der Dankbarkeit an Lager hätten. Er nimmt sie gerne.

Kurz darauf, treffen wir in der empfohlenen Garage ein. Es sieht aus wie im Film: Ein grosser Hinterhof voller Autos mit aufgeklappten Motorhauben und leerem Inhalt. Alles ausgemusterte Autos die als Ersatzteillager dienen. Wir schlucken und hoffen, dass sich unser Sprinter da nicht einreiht.

Ein Arbeiter kommt um die Ecke und wischt sich noch die letzten Resten seines Lunch-Meals von den Maulecken. Etwas grimmig schaut er uns, wohl bereits auf den den ersten Blick als Touristen erkennbar, an. Ein zweiter Herr kommt dazu, beide hören sich die Probleme unseres Vans an.

Auch hier zeigen wir die Formulare mit den erledigten Arbeiten und ersetzten Teilen. Und der dabei angehefteten Rechnung. Der Herr Nummer 1 schaut mich an, verdreht die Augen und meint dasselbe wie Timm; das Geld hätten wir uns sparen können. Na toll.

Die beiden schleppen diverse Diagnosegeräte zum Motor, legen sich unter den Van, tauschen sich aus und vertiefen sich in diese mir fremde, technische Materie.

Irgendwann werden wir aufgeklärt. Sie gehen davon aus, dass eine Schraube an einem der Motorteile abgebrochen ist. Was im Zusammenhang damit steht, dass sich der Druck für den Turbo weder aufbauen noch halten kann. „Deswegen hat der Motor die Kraft nicht mehr und kann keine Leistung mehr bringen.“ erklärt er.

„Und was genau bedeutet das?“ frag ich nach „Naja, um an diese Schraube zu kommen, muss ich den ganzen Motor ausbauen. Dafür benötige ich gute 1.5 Tage. Eine intensive Arbeit ist das und es wird teuer. Ich bin diese Woche zudem absolut ausgelastet. Den frühesten Termin den ich euch hierfür geben kann, ist der 9.März.“ Der 9. März. Das ist erst in 10 Tagen…

Ich bin nicht einmal mehr überrascht oder geschockt als ich das höre. Ich habs irgendwie schon geahnt. Zum Abschied wirft Herr Nummer 1 ein: „Was macht ihr überhaupt hier? In eurem Land ist es doch viel schöner als hier! Ich war vor Kurzem in Zermatt. Wunderschön!“. Ich staune über seine Worte. Und gebe ihm recht. Die Schweiz IST wunderschön! Ich bin ihr und den Bergen sehr verbunden. Und dankbar, das Privileg zu haben in diesem Land leben zu dürfen. Ich weise auf das aufgedruckte goldene Matterhorn hin, auf der Toblerone, die wir auch ihm zum Dank in die Hände drücken. „Dann hast Du das hier gesehen, in Zermatt? Das Matterhorn?“ „Oh ja! Das hab ich! Was für ein beeindruckend schöner Berg!“. Die Schokolade verschwindet in seiner Hosentasche.

Loslassen.

Welche Alternativen haben wir? Wir überlegen; die Reise abbrechen und mit dem Van in dem Zustand in dem er ist zurück in die Schweiz fahren? Nein. Das wollen wir beide nicht. Das wäre so schade für diese Zeit des Unterwegsseins, die im Vorfeld viel Planung und Organisation benötigte.

In diesem Modus einfach weiterfahren? Unserem Ziel in Richtung Norden entgegen? Aber jeden Hügel meiden? Der Motor funktioniert nur so lange es flach ist. Bergauf liegt nicht drin. Die Highlands sind jedoch nicht flach. Demnach dort sein und doch nicht dort sein? Das fühlt sich nicht gut an und würde am Sinn der Sache vorbei gehen.

Wir müssen unsere Reisepläne dort hin loslassen. Das wird mir in diesem Moment bewusst. Selbst wenn der Motor nach dieser Reparatur rund läuft; unser Zeitfenster für die noch weite Strecke dort hin, wird nicht mehr reichen. Egal wie wir es drehen und wenden, es soll nicht sein. Wir müssen es so akzeptieren.

Zurück auf dem Campground machen wir uns erst einmal einen Kaffee. Was machen wir nun aus der Situation? Wir beschliessen, den Kopf nicht hängen zu lassen sondern das beste daraus zu machen. Raffi den wir noch einmal kontaktieren, ist uns eine Stütze mit seiner kompetenten Zweitmeinung.

Somit ist klar. Wir sagen dem Termin vom 9. März zu. Die Highlands sind für uns vorerst nicht erreichbar. Sie laufen uns nicht davon. Sie zu einem anderen Zeitpunkt zu entdecken, dann aber zu Fuss mit Rucksack und Zelt, ist noch viel spannender!

Die 10 Tage die uns bleiben bis zu dem Werkstatt-Termin, stehen uns ja trotzdem zum Reisen zur Verfügung. Der Sprinter fährt. Wir können es nicht schlimmer machen wenn wir ihn in diesem Zustand noch einsetzen. Das haben wir uns von den Fachleuten bestätigen lassen. Von daher ist der Plan; wir setzen unsere Reise nach Schottland fort. Halt im engeren Radius und mit weniger Zeit. Weil wir ja wieder rechtzeitig zurück in dieser Werkstatt sein müssen.

Im Anschluss, möchten wir zurück in die vertraute Bretagne. Wir freuen uns sogar darauf, in aller Ruhe und noch einmal mit viel Zeit in diesen wunderschönen Teil Frankreichs einzutauchen.

Alexis Fleming.

Wofür ich dankbar bin; obwohl wir die Highlands nicht erreichen werden; dem mir so wichtigen Besuch in Schottland bei Alexis Fleming, steht nichts im Wege. Die Distanz bis dort hin, schaffen wir!

Bereits aus der Schweiz habe ich mit Alexis telefoniert. Ich hatte ihr von unseren Reiseplänen nach Schottland erzählt und dem damit verbundenen Wunsch, sie besuchen zu dürfen.

Mit einer grossen Herzlichkeit und Offenheit meinte sie ganz unkompliziert und ohne mich zu kennen; „Ja natürlich! Kommt vorbei! Ich freue mich auf euren Besuch.“ Mit so einer spontanen und herzlichen Zugänglichkeit hatte ich nicht gerechnet. Ich freute mich riesig darüber!

Alexis Fleming hat ein Buch mit dem Titel „Jedes Leben ist wertvoll“ geschrieben. Wie sehr war ich von dessen Inhalt berührt.

Sie hat, nach einigen tiefgreifenden Erlebnissen und einer schweren Krankheit die sie am eigenen Leib erfahren hat, sich dazu entschlossen, ein Tierhospiz zu gründen.

„Kein todkrankes Tier soll seinen letzten Weg alleine gehen. Mit unermüdlichem Einsatz, starkem Willen und sehr viel Liebe für alle Lebewesen, hat sie es geschafft, dieses Hospiz aufzubauen. Zu ihren Schützlingen zählen Schafe, Hunde, Hühner und andere Tiere. Alexis, selbst chronisch krank, wächst über sich hinaus. Ihr leben erhält durch diese Aufgabe eine Wende. Ihr Buch ist eine Geschichte über die Kraft des Mitgefühls und über Liebe, Freundschaft und Respekt angesichts der Vergänglichkeit allen Lebens.“

Diesen Menschen kennen zu lernen, bedeutet mir sehr viel. Fühle ich mich ihrem Gedankengut doch aus tiefstem Herzen verbunden. Ich freue mich ;-)).

2 Antworten zu „Erstens kommt es anders, und zweitens als man denkt.”.

  1. Es gibt den Satz „Störungen haben Vorrang“. Ich habe sie jeweils zugelassen – denn sie waren ja da – und danach gehandelt. Ihr macht das bestens! Neben mir liegt das Buch von Alexis Flemming. Von Dir geschenkt, Sandra. Werde heute damit beginnen, es zu lesen. Ich wünsche Euch einen schönen Tag!

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    1. Ich danke Dir für Deinen Input. Es ist so. Es gibt für alles einen Grund, auch für Dinge die man sich zwar wünscht und die trotzdem nicht eintreffen. Auch wenn man die Zusammenhänge im Moment des Geschehens nicht versteht oder gerne in eine andere Richtung schieben würde. Annehmen wie es ist.
      Dass Du das Buch von Alexis Fleming zu lesen beginnst, freut mich von Herzen!!! Es wird Dich berühren.

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