Wir stehen an diesem Geldautomaten vor einem Einkaufsladen in Kirkcudbright, Schottland. Wir brauchen Bargeld. Hier wird noch viel und gerne Bargeld statt Karten als Zahlungsmittel verwendet. Wir brauchen Nachschub. Einerseits um den aktuellen Standplatz auf dem Campground zu bezahlen und andererseits um Münzen in Coins für die Waschmaschine zu tauschen.
Nun stehen wir also da und führen die Visacard zum 5. Mal in die Vorrichtung des Automaten ein, tippen auf dem Bildschirm herum und schaffen es dennoch nicht, dass der Automat den eingebenen Betrag ausspuckt. Wir müssen beide lachen. Weil wir entweder die englische Wegweisung durch das Programm nicht verstehen oder schlichtweg zu doof sind diesen Automaten zu bedienen.
Wir sind so beschäftigt, dass uns gar nicht auffällt, dass sich während unseres Tun’s im Hintergrund bereits eine Schlange von Wartenden gebildet hat. Erst als ich mich umdrehe, wird mir das bewusst. Ich schaue in die Gesichter lauter geduldig-freundlich lächelnder Leute. Keiner wippt ungeduldig mit den Füssen oder gibt genervte Geräusche von sich. Sie stehen einfach da und warten. Ich schubse Rolf an „Komm, wir lassen die mal vor“.
Einer nach dem andern erledigt seine Abhandlung. Dann kommt die ältere Dame zum Zug, die schon am längsten wartet. Nachdem auch sie ihr Geld bezogen hat, bietet sie uns ihre Hilfe an. Dank dieser schaffen es auch wir zu unserem Bargeld zu kommen.
Privatgrundstück.
Unsere Erfahrung die wir hinsichtlich der Freundlichkeit von Bewohnern hier in Schottland machen, unterscheidet sich um Meilen von denjenigen, welche wir in England erlebt haben.
Hier in Schottland fällt uns auf, wie oft die Leute lachen, einen Spruch machen, Hilfe anbieten, das Gespräch mit uns oder untereinander suchen. Ihre Freundlichkeit ist auffallend und echt. Die Ortschaften sind heimelig, belebt und sauber, nirgends liegt so viel Müll herum wie wir es in England gesehen haben. Autofahrer sind rücksichtsvoller. Auch Fussgänger und Radfahrer haben einen Stellenwert.
Ein weiterer wesentlicher Punkt der uns in England beschäftigt hat; So gut wie jedes Grundstück, jede Wiese, jeder Weg, jeder Eingangsbereich, jeder Seeanstoss steht unter Privatbesitz. Noch nie zuvor sah ich so viele Schilder mit der Aufschrift „Privat. No passage!!!“. „Privat!! No entry!““. Und sie meinen es ernst!!
Michael, unser Freund in der Bretagne, selbst Engländer, meinte vor unserer Weiterfahrt: „Passt auf in England! Übernachtet niemals auf einem Privatgrundstück! Nutzt die Campgrounds! Ihr bekommt ansonsten handfesten Ärger! Engländer verstehen diesbezüglich keinen Spass!“.
Wir nahmen das nicht so ernst und gingen davon aus, dass Michael vielleicht ein bisschen übertreibt. Doch wir kamen in Situationen, in welchen wir diesen Ernst durchaus zu spüren bekamen und Michaels Hinweis nicht mehr infrage stellten:
An einem Morgen spazierten wir vom Campground aus mit den Hunden einem Feldweg entlang. Ein markierter Footpath. Wir durchquerten ein Waldstück, dann gabelte sich der Weg. Derjenige nach links führte in die Stadt, derjenige rechts zurück zum Campground. Somit mussten wir rein theoretisch nach rechts. Es gab aber ein Problem: An einem Baum waren 3 Schilder fixiert. Alle mit derselben Aussage: „Privat!!!“, „No entry!!!“, „No passage!!!“ Mist. Wir hatten somit 2 Möglichkeiten; entweder den ganzen Weg den wir gekommen waren wieder zurück (eine gute Stunde) oder aber so tun als hätten wir diese Hinweisschilder nicht gesehen und dem Mergelweg durch den Wald weiter folgen. Der Campground war da oben und zum Greifen nah.
Zurück stinkte uns beiden. Also nach rechts. Rein ins Abenteuer! Mit mulmigem Gefühl und nur noch im Flüsterton kommunizierend, folgten wir dem Weg. Wald und Wiese. Bis jetzt. Doch dann kam dieser Bauernhof. Eine Messie-Anlage; wir wähnten uns in einer Müllhalde; rostige Maschinen, eingestürzte Scheunen, Kühlschränke aufs Feld gekippt, Plastik und irgendwo dazwischen schauten uns ein paar Kühe im Morast stehend, an. Die Armen…Ein furchtbarer Anblick. Hierher führt also dieser private Zugangsweg. Nichts wie weg hier!
Wir dachten schon, wir seien durch und hätten diesen Ort des Grauens hinter uns. Als ein Auto angefahren kam. Neben uns wurde die Scheibe runter gekurbelt. Ich schaute in das zornige Gesicht einer jungen Dame. Ich wollte schon beschwichtigend lächeln, aber so weit kam ich gar nicht; sie donnerte los „Was macht ihr hier?? Ihr habt hier nichts zu suchen!!!!! Das ist ein Privatgrundstück! Verschwindet!“ Mein kleinlauter Versuch ihr zu erklären, dass wir zwei Schweizer-Touristen seien die nur zu dem Campground gleich da oben zurück wollten, interessierte sie nicht. Das Fenster ging nach oben und wir liessen den Hof schnellstmöglichst hinter uns. Es hätte mich nicht gewundert, wenn sie uns noch ein paar Schrotkugeln hinterher gepfeffert hätte. Prophylaktisch zog ich den Hintern ein.
Ein weiterer Fehltritt – im wahrsten Sinne des Wortes – passierte Rolf während des Wartens vor Timm‘s Garage. Mangels Platz vor seiner Werkstatt parkierten wir den Van am Strassenrand. Rolf erledigte einen Anruf und ging währenddessen auf dem schmalen Trottoir auf und ab. Dann machte er einen gravierenden Fehler: Sein rechter Fuss war zu Dreiviertel-Prozent nicht mehr auf dem Trottoir, sondern sondern berührte den Hartbelag einer Garageneinfahrt. Somit Privatgelände. Er hatte den Fuss noch nicht mal mit dem ganzen Gewicht aufgesetzt, da öffnete sich bereits schwungvoll das Fenster des dazugehörenden Wohnhauses. Ein Herr stand – beide Hände in die Hüften gestemmt – im Fensterrahmen. „Was machen Sie hier? Sie befinden sich auf einem Privatgrundstück! Verlassen Sie sofort meine Einfahrt!“
Rolf und ich fühlten uns in England fehlplatziert. Es liegt mir fern, ein Land resp. das Verhalten der Ansässigen zu generalisieren. Wir haben die Hilfsbereitschaft dreier Garagisten erfahren, wofür wir von Herzen dankbar sind. Auch das Gespräch mit einem superherzlichen Campgroundbesitzer bleibt mir in guter Erinnerung. Und schliesslich sind wir mit zwei wunderbaren Engländern befreundet. Michael und Joyce. Ich kenne nur wenige Menschen mit einer solchen Herzlichkeit wie Joyce.
Einer anderen Form von Zwischenmenschlichkeit zu begegnen, war jedoch einer ihrer Beweggründe in die Bretagne auszuwandern.
Im Gegensatz zu unseren Erlebnissen in England erfahren wir hier in Schottland das pure Gegenteil. Und zwar durchs Band.
Mein Meniskus und ich.
Mein Knie schmerzt. Der bereits seit Jahren angerissene Meniskus meldet sich. Er mag langes Sitzen genau so wenig wie ich. So lange er in Bewegung ist, Rad fährt, joggt, wandert, schwimmt oder einfach nur Arbeiten erledigt die nicht im Sitzen stattfinden, ist er zufrieden. Sitzen über kürzere Zeitdauern nimmt er auch noch in Kauf. Aber; wenn er so lange wie während dieser Wochen eine gebeugte Sitzposition aushalten muss und gleichzeitig zu wenig Muskeltraining erhält um ihn in Schach zu halten, dann meldet er sich. Klar und deutlich. So wie jetzt.
Deswegen, und wegen der angenehm warmen Duschen bei den nächtlichen Minusgraden, sind wir bewusst für 3 Übernachtungen auf demselben Campground geblieben, nähe Kirkcudbright. Von hier aus haben wir in kurzer Fahrdistanz gute Ausgangspunkte für Wanderungen gefunden.
Zero m ü.M.
Gestern haben wir die Küste verlassen und sind weiter nordwärts gefahren. Nach nur 30 Minuten befinden wir uns in einer völlig anderen Gegend. Eine Landschaft bestehend aus Hügeln, wenig Wald, kaum noch Zivilisation, riesige, offene Weiten. Einatmen…Ausatmen…Luft….!
Blick zurück auf den Loch Doon (Lake) beim Aufstieg auf den Black Graig.

Unser Ziel ist der höchste Punkt des Black Graig. Die meisten Top’s der Hügel liegen auf 400-800m ü.M. Das scheint nicht hoch zu sein. Doch, die Starthöhe liegt hier jeweils auf Meereshöhe. Demnach bei Höhe Zero. Eines der geplanten Highlights dieser Reise war unter anderem, auf den Ben Nevis, den höchsten Berg Schottlands hoch zu kraxeln. Sein höchster Punkt liegt auf 1’345m ü.M. Die Spikes im Falle von Schnee sind mit im Gepäck. Er liegt jedoch ganz oben im Norden, bei Fort William. So weit schaffen wir es zeitlich leider nicht. Hier haben wir jedoch einen eindrücklichen Vorgeschmack davon.
Einige der Gipfel sind schneebedeckt. Der Black Graig ist noch grün.
Kurz nach dem Loswandern, stehen wir vor einem verriegelten Tor. Ein Vorhangschloss mit Zahlencode fixiert es am Holzpfosten. Wir müssten hier aber durch. Eine Alternative gibt es nicht. Nach den Erfahrungen in England mit den Privatgrundstücken sind wir unsicher.
Während wir da stehen und uns überlegen ob wir umkehren oder das Tor überklettern sollen, kommt uns eine Dame mit Pferd von der anderen Seite entgegen. Es ist so einsam hier, wir fragen uns, woher sie wohl kommt? Für uns ein glücklicher Zufall! Sie kennt den Zahlencode und öffnet uns freundlicherweise das Tor.
Wir fragen sie, ob das möglicherweise Privatgelände sei und wir da denn überhaupt rein dürften? Sie lächelt und meint „Kein Problem! Ihr hättet das Tor als Fussgänger auch überklettern dürfen. Nur Autos dürfen den Weg nicht befahren. Aber passt auf! Die Jäger sind im Wald. Ihr seht sie nicht. Sie sind versteckt! Nehmt zur Sicherheit einfach die Hunde an die Leine.“
Oh nein…wer mich kennt weiss, ich hab tatsächlich ein Händchen für solche Szenen. Und habe mich schon in den unmöglichsten und in gefährlichen Situationen im Schussfeld der Jäger wiedergefunden.
„Ist das der Grund warum sie eine Leuchtweste auf dem Pferd tragen?“ frage ich die Dame. „Ja, genau.“. Grossartig! „Ist schon ok. So lange ihr auf dem Weg bleibt ist es gut. Sie dürfen nicht über den Weg schiessen. Lasst einfach die Hunde nicht in den Wald.“ Mit gemischten Gefühlen wandern wir los.
Wir schauen uns gegenseitig an. Wir sind beide in dunkle Jacken und Hosen gepackt. Uns sieht man kaum. Also werden wir möglicherweise über-sehen. Selbst auf dem Weg. Es wurden schon Esel für Hirsche gehalten und abgeschossen, warum also nicht auch verirrte Schweizer Touristen im Schottischen Niemandsland? Meine dünnere Sportjacke unter der dicken Schwarzen ist knallorange und türkis farbig. Ich wechsle die Schichten. Schwarz kommt drunter, orange drüber. So, jetzt sind wir hoffentlich sichtbar.
Ich hoffe inständig, dass nicht plötzlich ein Schuss durch die wohltuende Stille und durch das fröhliche Vogelgezwitscher zischt. Ich wünsche mir Frieden für diesen Wald und für alle seine Bewohner.
Laut der App sollte irgendwann ein kleiner Trail von diesem Mergelweg abzweigen, der dann auf den Bergrücken hochzieht. Da kommt aber kein Trail. Alles ist dicht zu gewachsen. Gestrüpp, Tannen und Sumpf. Wir folgen dem Waldweg noch ein Stück, dann entscheiden wir uns für ein Querfeldein. Die Baumgrenze ist so nah! Wir können sie bereits sehen. Wir müssen uns also nur ein kurzes Stück durch diesen Sumpfdschungel durchkämpfen, dann sind wir am Fuss des Black Graig.

Geschafft! Wie schon oft wenn ich mich auf Wanderungen in solchen Situationen wiederfand, überlasse ich Chinook, meiner Aussi-Bordercollie Hündin das Leading. Sie findet den Trail stets zuverlässig. Egal wie dicht das Gestrüpp oder der Wald ist.
Auch bei Touren bei welchen sich der Weg im Schnee verlor und nicht mehr sichtbar war, sie führte mich und brachte mich noch jedesmal zurück in die richtige Spur. Auf Chinook’s Spürsinn ist Verlass. So auch hier.
Irgendwann stehen wir sicher auf dem Trail. Ich juble! Wir sind entspannt. Die Jäger haben wir im Wald und hinter uns gelassen, vor uns eröffnet sich eine grossartige Weite.
Es wird steil. Der kleine Trail zieht fadengerade die Bergflanke hoch. Ich werde beim Aufstieg von Glückshormonen geflutet. Ein sehr vertrautes Gefühl.
Der höchste Punkt ist mit einem Steinhaufen markiert. Oben! Der kalte Wind pfeift uns um die Ohren.
Ich bin glücklich….Es ist dieses Gefühl, wenn Körper und Geist im Einklang miteinander sind. Wenn sich das Gefühl einer unbeschreiblichen Leichtigkeit des Seins entfaltet, verbunden mit der Gewissheit, dass es etwas Höheres gibt. Ich könnte den Himmel umarmen.

Brighouse Bay.
Es regnet. Ein „Bürotag“ bietet sich an. Am iPad sitzen und anstehende Überweisungen ausführen so wie weitere anstehende Dinge per E-Mail erledigen. Die Hunde liegen auf der faulen Haut. Sie dösen alle friedlich im Trockenen und Warmen.
Der Wind schiebt die Regenwolken nach England ;-)) und die Sonne bricht durch. Wenn auch nur kurz und schwach. Aber es hört auf zu regnen. Also raus mit uns!

Wir nutzen den schönen Nachmittag um an der Küste, am Brighouse Bay entlang zu wandern. Hoch über der Irish Sea stehen wir auf den schroffen Felsen. Wir schauen den Möwen zu, diese grossartigen Flugakrobaten.

Am Horizont zeichnen sich die Konturen der Isle of Man ab. Eine Insel in der Irischen See. Auf dieser Insel finden jährlich die bekannten Motorradrennen in gefährlicher Höchstgeschwindigkeit statt. Bedingt durch viele Todesfälle, sind sie sehr umstritten.
Wir setzen den Rundweg fort und schaffen es noch im Trockenen zurück zum Van. Wir freuen uns auf einen wärmenden, heissen Kaffee.

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