Findelhund.

Der letzte Morgenspaziergang in Schottland. Am Nachmittag geht unsere Fähre. Rüber nach Irland.

Den Campground zur Übernachtung haben wir bewusst in der Nähe des Hafenstädtchens Cairnryan gewählt. So bleibt uns am Morgen etwas mehr Zeit. Es regnet und der Weg entlang dem Meer ist matschig.

Mir fallen zwei rennende Hunde auf. In etwa 50m Distanz. Ein weiss-brauner Jagdhund und der andere schwarz. Weit und breit kein Besitzer in Sicht. Ich wundere mich darüber. Ob hier irgendwo gejagt wird und die Hunde in der Nachhetze sind? Sie bleiben stehen. Ich glaube sie haben uns gesehen. Der Weiss-braune ergreift die Flucht und rennt weg. Der Schwarze ist unsicher. Er scheint zu überlegen ob er dem anderen folgen oder den Weg zu uns und unseren Hunden suchen soll. Er kommt auf uns zu, vorsichtig und schüchtern. Ich spreche ihn sanft an. Er packt all seinen Mut zusammen und robbt in einer Körperhaltung der Unterwerfung in meine Nähe. Ich geh auf die Knie und streichle ihn. Ein Weibchen. Sie trägt kein Halsband, wirkt verängstigt und verloren.

Ihr Verhalten, ihr Körperbau und ein Blick auf ihre Zähne lässt vermuten, dass sie noch sehr jung ist. Vielleicht 6 Monate. Wir fragen uns, woher sie wohl kommt? Hier ist nur der Campingplatz, gleich oberhalb davon eine gefährliche Strasse. Vor uns das Irische Meer. „Vielleicht ist sie ausgesetzt worden? Oder jemand hat sie beim Spaziergang verloren? Mal schauen ob sie uns folgt oder wohin sie geht wenn wir zurück laufen. Wir könnten den Campwart fragen ob der sie vielleicht kennt?“ sage ich zu Rolf.

Tatsächlich folgt sie uns. Etwas zögerlich, aber sie läuft mit. Sie bleibt immer wieder stehen, ist verunsichert, hat Stress. „Ob ich sie anleinen soll?“ Ich bin unsicher. Vielleicht dreht sie doch noch um weil sie hier irgendwo hin gehört? In dem Moment meiner Unentschlossenheit, rennt sie plötzlich davon. Aber nicht den Weg zurück den wir gekommen sind. Sondern ans Ufer.

Einen kurzen Moment lang zögert sie, dann springt sie rein in die Wellen und schwimmt hinaus, ins offene, kalte Meer. Ich fasse es nicht! Warum tut sie das? Sie schwimmt und schwimmt und schwimmt, ihr Köpfchen wird immer kleiner. Ich kann’s nicht glauben. Das darf doch nicht wahr sein. Das wird sie nicht überleben. Und wir stehen da und können nichts dagegen tun. Das Wasser ist eiskalt. Wo will sie denn hin um Himmelswillen? Ich rufe hinter ihr her, vermute dass sie mich gar nicht mehr hört. Irgendwann wird sie in eine Strömung kommen und nicht mehr umdrehen können. Ich kämpfe mit einer unglaublichen Verzweiflung und rufe in hohen Tönen nach ihr, die sie vielleicht doch noch hört. Bitte bitte komm zurück…

Hat sie gedreht? Kommt sie zurück? Oh mein Gott sie kommt wieder zurück! Völlig erschöpft und zitternd kommt sie aus dem Wasser. Ich zögere nicht mehr sondern schnappe sie und funktioniere die Leine unserer Hunde zu einem Halsband um. Das darf nicht mehr passieren. Meine Beine zittern. Sie kommt ohne zu zögern mit.

„Lass uns die Tierärztin von gestern anrufen! Die Nummer habe ich ja noch abgespeichert und die Praxis ist nicht weit. Das schaffen wir!“ Und genau so machen wir‘s.

Dieselbe Tierärztin wie tags zuvor ist im Dienst. „Natürlich. Ich erinnere mich an euch. Kommt doch gleich in die Praxis.“ Wunderbar! Den Weg kennen wir ja bereits. Hündchen wird in den Sprinter gesetzt und wir fahren los. Während der Fahrt drückt sie sich vertrauensvoll an mich. Und schlüpft in mein Herz…“Wir könnten sie behalten.“ finde ich. Rolf kennt mich gut. „Lass uns erst mal schauen, ob sie gechipt ist. Sie wird jemandem gehören der sie vermisst. Wart mal ab.“ Er hat ja recht. Finden wir‘s heraus.

Angekommen bei der Praxis, will sie nicht aussteigen. Sie hat Panik. Sie drückt sich an mich und schaut mich flehend an. Wie gerne würde ich ihr die Sicherheit geben die sie braucht. Aber wir müssen herausfinden, woher sie kommt. Vielleicht sucht ja jemand bereits verzweifelt nach ihr.

Die Tierärztin holt das Chip-Lesegerät. Tatsächlich, Hündchen ist gechipt. Somit gehört sie jemandem. „Ich werde sie in einer Box unterbringen und mich auf die Suche nach ihrem Besitzer machen. Das kann dauern. Mal schauen ob sie aus der Umgebung kommt. Oder einen Chip aus dem Ausland hat.“ informiert sie uns. „Werden Sie uns Bescheid sagen?“ „Ja, das werde ich machen. In jedem Fall. Findelhunde bleiben jeweils 1 Woche hier bei uns. So lange haben wir Zeit ihren Besitzer zu finden. Das ist nicht immer so einfach. Manchmal geht die Suche auch via Facebook. Lässt sich der Besitzer bis dahin nicht finden, muss sie ins Tierheim.“

Hat sie Tierheim gesagt? „Ähm…also bevor sie ins Tierheim kommt kontaktieren Sie uns bitte!! Wie Sie wissen fahren wir heute rüber nach Irland. Wir wären aber schnell wieder da.“ werfe ich insistierend ein.

„In Ordnung. Ich melde mich bei euch.“ verspricht die Tierärztin abschliessend.

Ich komme mir vor wie eine Verräterin als wir die Praxis verlassen und Hundi, das nicht dort bleiben wollte, zurückliessen. „Mach Dir keinen Kopf! Sei froh ist der Hund gerettet! Sie wird vermisst, Du wirst sehen. Kommt alles gut.“ tröstet mich Rolf.

Es fällt mir schwer mich zu konzentrieren oder abzulenken. Ständig hoffe ich auf einen erlösenden Anruf der Tierärztin. Um zu hören dass alles gut ist. Noch bevor wir Schottland verlassen.

Wir brechen auf in Richtung Cairnryan, zum Hafen wo unsere Fähre startet. 2 Stunden sind bereits vergangen, noch immer kein Anruf. Und dann, endlich, meldet sie sich; „Es ist alles gut! Der Besitzer wurde gefunden! Die Chipnummer ist zwar in Irland registriert, aber der Besitzer lebt hier. Auf einem Hof. Die Hündin ist vielleicht jemandem nachgelaufen. Und hat den Heimweg nicht mehr gefunden.“ meint sie.

„Und es ist wirklich alles gut?“ versichere ich mich. In meinem Kopf zeichnet sich ein seltsamen Bild ab. In Erinnerung an eine Hündin, die auf ähnlichem Weg vor vielen Jahren zu mir fand. Und blieb. „Ja, wirklich. Die Hündin freute sich sehr als sie ihren Besitzer sah und von ihm abgeholt wurde. Alles ist gut“. Ich wünsche es ihr.

Warum sie ins Wasser sprang und ins offenen Meer hinaus schwamm, bleibt mir ein Rätsel. Aber ich versuche zu vertrauen und ans Gute zu glauben.

Ich hoffe, Du bist in liebenden Händen und in einem warmen Zuhause, Du süsses kleines Hundewesen.

2 Antworten zu „Findelhund.”.

  1. Avatar von christian fröhlich
    christian fröhlich

    Sandra und Rolf ihr seit einfach gute Menschen.Super Block

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    1. Jööö, danke Chris💜

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