Seit Tagen regnet es in Strömen. Wir freuen uns so sehr auf das kleine Cottage das wir zur Entspannung für uns gemietet haben. 7 Tage etwas mehr Platz, Wärme und die Möglichkeit, all die Dinge aus dem Van die eine Wäsche brauchen wieder frisch zu machen und zu trocknen. Diese Vorstellung ist ein echter Aufsteller!
„Hier müssen wir abbiegen. Da oben muss es sein. Irgend eines dieser vielen Häuser ist unseres.“
Wir suchen die Nummer 89. Die Suche dauert. Die Anlage ist gross und auf viele Ebenen am Hang aufgegliedert. Einige der Häuser wirken bewohnt, andere mehr oder weniger vernachlässigt. Vielleicht ist unser erster Eindruck jedoch dem Regen und dem etwas düsteren Licht geschuldet.
Geschafft! Wir parken und sind so gespannt auf das Interieur. Rolf gibt den Code in die Schlüsselbox ein, der Schlüssel liegt wie per Mail vereinbart darin parat. Sehr gut. „Ich bin so gespannt! Ich freu mich!“. Tür auf. Licht an. Ups…..
Die Vorfreude erhält einen ziemlichen Dämpfer nachdem wir im Flur stehen. Es stinkt. Es ist feucht da drin und kalt. Naja, es wird sich mit Sicherheit irgendwo ein Heizsystem finden lassen. Mein Blick fällt auf den Boden, ich wollte gerade die Schuhe ausziehen. Sie bleiben dran. Der Zustand des Bodens ist nicht einladend. Er klebt. Wir schauen uns an. Versuchen die Enttäuschung gegenseitig voreinander zu verbergen. Wird schon werden.
Wir holen unsere Taschen mit den Kleidern und die Esswaren die wir bewusst zum gemütlichen Kochen eingekauft haben, aus dem Sprinter und beginnen damit, uns einzurichten. Zumindest versuchen wir es.
Egal was ich anfasse oder welche Schublade ich öffne, alles ist klebrig, eklig und unhygienisch. Haare im Bett, am Boden, im Badezimmer, im Kühlschrank, auf den Kissen, an den Wänden. Eigentlich überall. Bremsspuren im Klo (diese Bilder erspare ich euch lieber). Haare und Speiseresten im Spülbecken in der Küche. Fett und Dreck an den Bedienungsknöpfen am Herd.
Es ekelt uns beide. „Sowas hab ich echt noch nie angetroffen. Dass kann doch nicht deren ernst sein sowas zu vermieten.“ finde ich. Ich bin nicht anspruchsvoll. In jungen Jahren habe ich für eine gewisse Zeit in einem uralten Haus mit schiefen Böden und ohne Heizsystem gelebt. Es hatte seinen Reiz und seinen Charme. Rolf und ich haben, nachdem wir zusammen zogen, sehr abgelegen in einer kleinen, alten, einfachen Wohnung mit Sitzbadewanne gewohnt. Ohne jeden Luxus. Den brauchen wir beide nicht. Aber ein hygienischer Zustand ist mir wichtig. Und das hier nimmt mir den Appetit.
Ich beginne den Kühlschrank zu putzen, bevor ich unsere Dinge da einräume. Er stinkt. Als ich das Tiefkühlfach öffne, sehe ich dass es zugefroren ist. Klappe zu. Hier komm ich nicht weiter.
Ich drehe den Lichtschalter im „Wohnzimmer“ und hab den Drehknopf des Schalters gleich in der Hand. Im Badezimmer hängt anstelle der Ablage unterhalb des Spiegels nur noch eine abgebrochene Schraube an der Wand.

Rolf versucht indessen ein Feuer im Kamin zu machen um wenigstens etwas Wärme in die Räume zu bekommen. Die Hütte ist kurz vor dem Zerfall.
„So geht das nicht. Ich fühle mich für blöd verkauft. Das kann nicht deren ernst sein. Ich werde die Kontaktperson anrufen. Mal schauen was sie dazu meint.“
Tatsächlich kommt die Dame vorbei, entschuldigt sich für den Zustand. Sie bittet uns, irgendwo einen Kaffee zu trinken und ihr Zeit zu geben, noch einmal nach zu reinigen. Dem Wunsch kommen wir nach. Wobei uns bewusst ist, dass ihr zur Reiningung dieses Chaos weder eine noch zwei Stunden reichen würden.
So lassen wir uns Zeit. Es ist früher Abend. Wir kehren in den Ort ein, finden ein gemütliches Pub und verbringen ein paar Stunden in fröhlicher Gesellschaft. Die Iren sind herzlich offen, fröhlich und kontaktfreudig. Wir haben so gelacht und dabei die Zeit und den Stress vergessen.
Zurück im Cottage waren wir hoffnungsvoll und gespannt auf den neuen Zustand. Bereits der erste Blick war wortwörtlich ernüchternd. „Siehst Du irgend eine Veränderung? Ich seh noch genau gleich viele Haare und Dreck. Einzig das Tiefkühlfach hat weniger Eis.“ finde ich.
„Hier in diesem Loch halte ich es keine 7 Tage aus. Das ist verschwendete Zeit. Ich schreib der Vermietungsfirma eine E-Mail oder versuch da anzurufen. Mal schauen welche Lösung wir finden.“
Zum allerersten Mal habe ich mich bei einer Firma über den Zustand eines Mietobjektes beschwert. Wir sind beide nicht heikel und nicht anspruchsvoll. Ich kann mich in der Regel gut arrangieren mit den Begebenheiten wie sie sind. Die gängige Nörgelei in diesem Bereich finde ich meist eher peinlich. Aber das was wir hier antrafen, das war wirklich nicht ok. Und stand in keinem Verhältnis zum Preis der dafür verlangt wurde.
Es war ein nervenaufreibendes und langatmiges Unterfangen in Kontakt mit dem Anbieter und schlussendlich mit dem zuständigen Gastgeber hier in Irland zu kommen. Wir hatten zum Glück Fotos des Zustandes gemacht und konnten damit unsere Beschwerde untermauern. Wir warteten auf ein Feedback.
„Komm, es ist wie es ist, wir packen zusammen und fahren weiter.“ Lieber wieder im Van unterwegs und dem Regen standhalten als an diesem deprimierenden Ort bleiben. Wir waren uns einig.
Als vom Gastgeber, nach einem klärenden Telefonat, plötzlich ein unerwartetes Angebot kam. Er machte uns den Vorschlag, in ein anderes Cottage in der Anlage umzuziehen. Wir warfen einen Blick rein und konnten es nicht fassen! Das pure Gegenteil! Ein absolut hübsch eingerichtetes, warmes, sauberes, gemütliches Cottage. Während dem das erstere kurz vor dem Zerfall stand. „Ich glaube das war versteckte Kamera oder so“ werfe ich Rolf zu. Es gibt noch Wunder.
Endlich können wir uns einrichten und entspannen.

Connemara-Pferde.
Wir befinden uns im Connemara County. Der Heimat der Connemara-Pferde.
Wir begegnen ihnen hier und dort, diesen freundlichen und widerstandsfähigen kleinen Pferden. Tapfer halten sie dem tagelang anhaltenden Regen und Wind stand. Und sind sofort wunderfitzig zur Stelle, wenn wir uns ihnen nähern. Rolf, bereits mit Pferden aufgewachsen, fühlt sich ihnen verbunden.

Schäfchen zählen.
Schon in Schottland hatte es wohl mehr Schafe als Einwohner. Aber das hier in Irland, toppt alles. So gut wie jeder Quadratmeter dieser Insel ist von Schafen beweidet. Und eingezäunt.
Auch beim Fahren auf den Strassen ist Vorsicht geboten. Hier und da überquert ein Schaf die Strasse.

Der Unterschied zu Schottland ist jedoch, dass es hier so gut wie keine Trails für Hiker gibt. Auch nicht in der Berg- und Hügellandschaft. Sie werden grossflächig, bis auf die Spitze von Schafen beweidet und für Wanderer gibt es so gut wie keinen Zugang. Die wenigen Möglichkeiten die sich bieten, in den Nationalparks oder ausserhalb dieser, schliessen Hunde aus. Es besteht durchgehend Leinenpflicht, Maulkorbtragepflicht oder oft sogar ein generelles Verbot. Wegen den Schafen. „Die Farmer zögern nicht eure Hunde abzuknallen wenn ihr nicht aufpasst!“ werden wir gemahnt.
Ich kann die Farmer aus ihrer Perspektive durchaus verstehen. Sie werden ihre Erfahrungen gemacht haben und schützen ihre Schafe. In dieser Jahreszeit ganz besonders; die Schafe bringen gerade ihre Lämmchen zur Welt. Wir sehen viele davon. Sie sind winzig, derart süss!!! Und schutzbedürftig.
Für uns, die wir so gerne die Natur entdecken und wandern würden, ist die Situation jedoch schwierig. In Schottland gab es zwar ebenfalls viele Weiden mit Verboten, diese zu betreten. Das ist zu respektieren. Es gab jedoch genügend Optionen und Alternativen für Wanderer. Grossartige Trails! Die sucht man hier vergebens. Irland mit Hunden zu bereisen, mit dem Bedürfnis verbunden zu hiken, würde ich von daher nicht wirklich empfehlen.

Auch heute Morgen haben wir auf der bewährten App lange nach einem offiziellen Wanderpfad gesucht. Und tatsächlich gefunden. 50 Minuten Autofahrt entfernt. Die nehmen wir dafür in Kauf.
Endlich! Uns war bewusst, die Hunde müssen an der Leine bleiben. Das ist ok. Nach einer guten Stunde mussten wir an einer Abzweigung den geplanten Rundweg beenden. „No dogs allowed“ stand da auf dem Schild. Hier gehts für uns nicht weiter. Also umdrehen.
Was uns bleibt ist das Aufsuchen von Stränden. Die sind wunderschön! Glasklares Wasser in diversen Blau- und Grüntönen. Das besondere Licht untermalt die faszinierenden Farbkombinationen der Landschaft.

Wir begegnen einem Farmer der gerade dabei ist, seine Schafe zu füttern. Er freut sich über die Begegnung und erzählt uns wie er seine Schafe pflegt und um ihr Wohlbefinden bemüht ist. „Ich bin immer bei ihnen. Und beobachte sie. Ich weiss wie es jedem einzelnen Tier geht. Und ich weiss besser was zu tun ist, als der Tierarzt. Weil ich meine Schafe kenne.“
Er erzählt von schwierigen Geburten von Zwillingen und Drillingen bei welchen er Geburtshilfe leistete. Und er begründet, warum weibliche Schafe während der Trächtigkeit von den männlichen getrennt sind. Sie könnten mit den Boxhieben ihrer Hörner gegen die Bäuche der trächtigen Schafe den ungeborenen Lämmern schaden. Es käme immer wieder zu Totgeburten deswegen. Das wolle er verhindern. Deswegen seien die Männchen „dort drüben auf jener Weide“ untergebracht.
Zum Abschluss sagt er „Es ist schön, dass ihr euch Zeit für ein Gespräch genommen habt. Wisst ihr, es kommen viele Wanderer hier vorbei. Aber sie haben keine Zeit zum Stehenbleiben. Und Reden. Und Zuhören. Sie sind immer im Stress. Und am Handy. Ich frage sie manchmal, ob sie sich beim Wandern auch einmal hingesetzt hätten. Auf einen Stein. Und die Natur beobachtet hätten. Sie sagen alle Nein. Ich versteh das nicht. Man muss sich einen Moment hinsetzen. Und in die Natur schauen. Das ist wichtig.“ sagt er. Und fährt fort „Menschen reden nicht mehr miteinander. Sie sind nur noch mit ihren Handys beschäftigt. Wenn Menschen wieder mehr miteinander reden und sich verstehen würden, dann gäbe es weniger Krieg auf dieser Welt.“
Es stimmt mit dem überein was Rolf und mir als erstes aufgefallen ist, nachdem wir ein Pub betraten und eine Weile in die Runde schauten. Leute die beim Essen am Tisch und an der Bar sassen. Alle unterhielten sich miteinander. Kein einziger hatte ein Handy in den Händen oder auf dem Tisch liegen. Sie reden und lachten stattdessen miteinander oder setzen sich spontan zu jemandem an den Tisch. Kreuz und quer und unkompliziert. Auch wir wurden schnell in eine Unterhaltung mit einbezogen. „Wo kommt ihr her? Aus der Schweiz? Oh wie schön!“ Es kommt sehr ehrlich rüber. Authentisch. Von Herzen. Nicht aufgesetzt.
Es ist bewundernswert wie sich die Iren diese wertvolle Eigenschaft erhalten haben. Wir sollten das viel öfter zelebrieren. Miteinander reden, einander zuhören, Fröhlichkeit teilen, lachen.
Rolf und ich hatten die Ehre gestern, am 17.3. den St. Patricks Day, den Nationalfeiertag der Iren mit zu erleben. Und zu feiern ;-)) Dieser besondere Anlass, verdient einen eigenen Beitrag. Er wird folgen….

Hinterlasse einen Kommentar