Freiheit.

Noch 4 Tage. Dann verlassen wir Irland. So sehr ich die Menschen und ihre Herzlichkeit hier zu schätzen gelernt habe, so sehr fehlt mir zusehends der gewohnte Freiraum; mich nach Bedürfnis frei in der Natur bewegen zu dürfen.

Die vielen erwähnten Einschränkungen, Zäune und Zutrittsverbote die wir hier vorfinden setzen uns allmählich zu. Wanderwege zu finden haben wir inzwischen aufgegeben. Tatsächlich träume ich nachts schon davon; von Schafen, Zäunen und von dem Grau, der Nässe und dem Dauerregen. Ich fühle mich auf ungewohnte Weise eingesperrt.

Als wir im Vorfeld unserer Reise von Irland sprachen, sah ich mich stundenlang auf Küstenwegen wandern. Ich hatte innere Bilder vor Augen. So, wie wir das aus der Bretagne kennen. Ich hätte nicht gedacht, dass wir solche Wege hier schlichtweg nicht vorfinden würden. Jogger, die wir sehr selten sehen, kommen uns hin und wieder auf den Hauptstrassen entgegen. Praktisch alle tragen gelbe Leuchtwesten, um für Autofahrer gut sichtbar zu sein.

Das Dabeihaben von Hunden erschwert es für uns natürlich aufgrund der Verbote zusätzlich. Doch selbst die Küsten sind weitgehend bis ganz nach vorne eingezäunt, von Schafen beweidet und für Wanderer nicht oder nur teilweise zugänglich.

Ich denke in diesem Zusammenhang über die Definition von Freiheit nach. Freiheit ist ein grosses Wort. Würde man 100 Leuten danach fragen, was sie persönlich mit dem Ausdruck Freiheit in Verbindung bringen, welcher Inhalt, welche Bedeutung Freiheit für sie hat, so würde ein Bild aus 100 verschiedenen Fragmenten entstehen.

Für jeden von uns hat Freiheit eine andere Bedeutung, eine andere Dimension. Abhängig von so vielen unterschiedlichen Faktoren. Solche, die gegeben und nur wenig beeinflussbar sind und solche, die wir mitsteuern oder verändern können. Selten findet sich zwischen zwei Menschen diesbezüglich eine kongruente Übereinstimmung.

Manchmal ist die gegenwärtige Interpretation auch eine Momentaufnahme. Und verändert sich unter den aktuellen Bedingungen. Sie geht über in eine bescheidenere Form. Nach einer Operation mit Spitalaufenthalt zum Beispiel, bedeutete für mich der Fokus darauf, wieder so beweglich zu sein, dass ich meine Haare wieder ohne Fremdhilfe zusammenbinden konnte, Freiheit.

Es wäre mit Sicherheit spannend, ein Buch darüber zu schreiben. Vielleicht greife ich dieses Projekt tatsächlich einmal auf. Es würde mich interessieren, welche Auffassungen, welche Antworten, welche Dimensionen, welche ganz persönlichen Antworten ich von Menschen jeglicher Kultur, jeglichen Alters, jeglicher Lebensumstände etc. auf diese eine Frage erhalten würde: Was bedeutet Freiheit für Dich?

In Bewegung sein zu können, bedeutet für MICH Freiheit.

Dankbar dafür, in einem Land ohne Krieg zu leben. Frieden als Ausgangslage, welche diesen Wunsch nach Freiheit überhaupt erst möglich macht..

Die Gesundheit, die Fitness, die Selbstständigkeit zu haben, die das zulassen.

Die Natur aufzusuchen, einen Berg zu besteigen, einem Fluss entlang zu wandern, neue Wege zu entdecken, meine Route frei wählen zu können.

Es ist mein Fundament, meine Basis, um als Mensch, als Sandra in meiner Balance zu bleiben. Körperlich und geistig.

Diese Möglichkeit, die ich hier so sehr vermisse, habe ich in der Schweiz. Ich lebe und liebe sie. Und dafür empfinde ich allergrösste Dankbarkeit. Heute, mit den neuen Erfahrungen, umso mehr. Diese Form von Freiheit, ist definitiv keine Selbstverständlichkeit.

In 4 Tagen verlassen wir die Insel und schippern mit der Fähre von Rosslare rüber nach Pembroke, England. Von dort werden wir 400km mit dem Sprinter nach Dover fahren und mit einer weiteren Fähre nach Calais, Frankreich übersetzen.

Nutzen wir die Zeit in der wir noch in Irland sind, um Erkenntnisse zu gewinnen, um Neues, Unbekanntes zu entdecken, um frei von Terminen zu sein und um mit Menschen und ihren Geschichten in Kontakt zu kommen.

Frisörbesuch in Clifdon.

Das Cottage hat keine Waschmaschine. Im Ort gibt es jedoch eine öffentliche Waschanlage. So wie wir das vor allem aus Frankreich kennen. Die suchen wir heute auf.

Clifdon ist ein buntes Städtchen. Ich mag das. Die Farben passen zu der Fröhlichkeit und der Offenheit der Iren. Und; sie bringen etwas Abwechslung in das regnerische Grau des Himmels.

Tatsächlich regnet es auch heute wieder in Strömen. Ununterbrochen. Strassen stehen unter Wasser, Flüsse und Seen laufen über das Ufer. Ich denke an all die kleinen Lämmchen die wir auf den unter Wasser stehenden Weiden sehen. Und die ,ohne Schutz, in dieses unwirtliche Wetter hinein geboren werden. Triefend nass und mit hängenden Öhrchen stehen sie jeweils da. Sie tun mir leid. Der Farmer mit dem wir vor ein paar Tagen sprachen, erwähnte, dass es gerade für die kleineren, schwächeren Neugeborenen durchaus eine Herausforderung sei.

„Meine Haare sind so lang geworden. Ich würde gerne einen Coiffeur aufsuchen. Hier in Clifdon. Wir können so auch gleich die Wartezeit unserer Wäsche überbrücken.“ findet Rolf. Machen wir. Eine gute Abwechslung in unserem Regentage-Programm.

Es gibt mehrere Frisöre im Ort. Den ersten Salon den wir betreten, hat keine freie Kapazität mehr. Schickt uns aber an eine gute Adresse weiter. „Geht zu „Bills“. Gleich dort vorne um die Ecke. Der macht das gut!“. Eine schmale Treppe in einem Hinterhof führt zu dem kleinen Salon hoch. Ohne Hinweis hätten wir diese versteckte Räumlichkeit niemals gefunden.

Tom, der Inhaber, scheint uns schon gehört zu haben und öffnet die Tür. „Hast Du denn noch Zeit und Platz für uns?“ fragen wir ihn „Klar doch. Kommt gleich rein.“

Tatsächlich sind wir an einem aussergewöhnlichen Ort gelandet. Der kleine Frisör-Raum hat für genau 1 Stuhl Platz und ist äusserst kreativ eingerichtet. Viele Bilder, bunte Töpfchen, Regale, Farben. Musik läuft. Dann, als Rolf bereits sitzt und eine Schürze umgeworfen bekommt, fallen uns Tierschädel auf, mit unterschiedlichen Frisuren versehen als Kunstwerke angefertigt und an der Wand aufgehängt. Einer davon trägt einen grünen Irokesen. Tom bemerkt unsere erstaunten Blicke und meint „Die habe ich selbst entworfen. Betrachtet es als Vorschläge für Frisuren“ lacht er.

Ich kann’s nicht lassen und hake nach „Was sind denn das für Schädel? Von welchem Tier?“ „Die meisten sind vom Dachs. Die werden hier leider oft überfahren. Und sterben schon jung.“ Ich lasse die Frage, ob er sie selbst präpariert hat, lieber stecken.

Rolf ist tapfer. Und bleibt sitzen. Ich hätte diesen Nerv nicht ;-D

Wir bekommen beide einen Kaffee in bunter Tasse in die Hände gedrückt und Rolf vertraut Tom seinen Kopf an.

Bills sei sein Künstlername, wie er uns erklärt. Während dem Rolf seine Haare lässt, werden wir weiter in Irische Besonderheiten eingeweiht. Die Konversation mit ihm ist äusserst sympathisch „Wie gefällt es euch denn in Irland? Mal abgesehen vom Wetter?“ fragt er schmunzelnd. Wir antworten, dass uns insbesondere die unvoreingenommene Offenheit der Iren ans Herz gewachsen sei. Und fragen nach „Das mit dem heftigen Regen, ist das gewöhnlich so zu dieser Jahreszeit?“ „Naja, im März ist es jeweils wirklich recht übel. Im Sommer regnet es auch, aber der Regen ist dann zumindest wärmer.“ Ach so. Good to know 😉

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